Das Wunder von der Grotenburg (12)

Szene 12: Wir wollen weiter!


Noch im Black erklingt die Stimme von ZDF-Reporter Rolf Kramer
ROLF KRAMER
…vielleicht schaut er zu…sicher schaut er zu: Helmut Schön…Deutsche Meisterschaft, Pokalsiege, Länderspiele in Dresden….in den 30er Jahren…in
den 40er Jahren…die letzte 44…nicht lange danach kam dann die schlimme, die furchtbare Nacht von Dresden…eine Stadt, in der Fußball immer noch blüht…der technisch beste der DDR soll da gespielt werden…es war lange so…eine neue, eine junge Mannschaft…wieder Lippmann… das wird jetzt wieder gefährlich werden…er schaut….und ein Selbstooor! …eieiei….man konnte es…..das tut weh…man konnte es kommen sehen…das ist bitter…das ist bitter…und das ist gelaufen hier…


Licht auf die Bühne. Die Unordnung im Zimmer hat noch ein wenig zugenommen, was an den leeren und halbvollen Flaschen als auch an den
aufgerissenen „Knabberzeug“ Tüten liegt. Alexander schenkt gerade noch einmal nach.

ALEXANDER BURBACH
Ok, bevor wir jetzt aber zur Grotenburg kommen, musst Du mir noch unbedingt was übers Hinspiel bei Euch in Dresden erzählen. Ich weiß, dass das auch im
Fernsehen übertragen wurde, aber meine Erinnerung daran ist gleich Null, irgendwie ein weißer Fleck, wahrscheinlich überlagert von allen Ereignissen nach.


GERD MÜLLER
Tja, das Hinspiel in Dresden…es war für lange Zeit das letzte Spiel von Dynamo, wo ich live im Stadion war, das war ja zwei Wochen, bevor die Sache mit Kathrin passierte….
Schweigen
Aber lass uns über das Spiel sprechen…es war ja eine wahre Schlammschlacht… das meine ich jetzt nicht irgendwie metaphorisch sondern wortwörtlich. Es hatte vorher tagelang geregnet, eigentlich ein Unding, dass das Spiel auf so einem Platz angepfiffen wurde. Aber es war Europapokal und das Spiel wurde
live übertragen, wer traut sich da schon, das abzusagen?


ALEXANDER BURBACH
Ja, ich glaube, jetzt erinnere mich doch an das ein oder andere Bild. Man konnte am Ende die Mannschaften gar nicht mehr richtig unterscheiden..


GERD MÜLLER
Ja, was am Anfang SchwarzGelb gegen Hellblau hieß, war am Ende Matchbraun gegen Modderocker…aber wir waren natürlich sehr zufrieden, 2:0 das war schon ein gutes Ergebnis für uns, Klaus Sammer war sich auch recht sicher, dass das reichen muß fürs Rückspiel.
Nimmt sein Buch zur Hand und schlägt es auf
Hier…direkt nach dem Spiel hat er gesagt: „Wenn da nichts Ungwöhnliches passiert, wie das beispielsweise in Wien der Fall war, müsste ein 2:0
im internationalen Wettbewerb reichen. Immerhin muß Uerdingen zu Hause 3 Tore schießen..und meiner Ansicht nach ist es auch schwer..und wie gesagt..wir
können es eventuell schaffen…“

ALEXANDER BURBACH
Immerhin hat er noch ein „eventuell“ eingefügt, so ganz überzeugt war er wohl nicht..


GERD MÜLLER
Du darfst nie vergessen, unter welchem Druck die Mannschaft und der Trainer standen. Gut, auch für Euch ging es um den Einzug ins Halbfinale, aber ihr wart neu in Europa, sozusagen der Underdog, niemand hätte es Euch wirklich übelgenommen, gegen eine Mannschaft wie Dresden auszuscheiden, und für Eure Spieler ging es dann am Ende um die 8.000 DM Siegprämie für den Einzug ins Halbfinale. Bei uns war der „Leistungsanreiz“
Setzt das Wort in Anführungszeichen
ja ein ganz anderer. Zunächst war da mal der große Anspruch, es endlich mal gegen eine Mannschaft aus der BRD zu schaffen, immerhin der 4. Anlauf, und dann noch die große Chance, zum ersten Mal in ein Europapokalfinale zu kommen. Aber der größte Druck kam natürlich von ganz oben. Nimmt wieder das Buch zu Hand
Nach der Wende hatte ich die Gelegenheit, Einsicht in Akten der Staatsicherheit zu nehmen. Du glaubst nicht, was ich da alles zu dem Spiel finden konnte:
Zitiert:
„Ausgehend vom gegenwärtigen Stand der Beteiligung der SG Dynamo Dresden im europäischen Cupwettbewerb der Pokalsieger, FDGB- Fußballpokalwettbewerb, und in der laufenden Fußball-DDR Meisterschaft bestehen in der SG Dynamo Dresden folgende Zielstellungen:

Erreichen des Halbfinales im Europapokal
Erreichen des FDGB-Pokalfinales
Kampf um die Meisterschaft

Im Hinblick auf die Realisierung dieser Leistungsziele wurden der Bezirksverwaltung für Staatsicherheit Dresden eine Reihe von Problemen
bekannt, an deren Beseitigung gearbeitet wird bzw. die sich hinderlich auf die Weiterentwicklung des Kollektivs auswirken könnten.


ALEXANDER BURBACH
Wooow!


GERD MÜLLER
Wie gesagt, das kam nicht aus dem Verein selbst, das waren keine sportlichen, das waren politische Ziele. Und Du kannst davon ausgehen, dass jeder im Umfeld des Vereins, seien es die Spieler, der Trainer oder sonstige Beteiligten bis in die persönlichsten und intimsten Bereiche durchleuchtet wurden. Und glaub’ mir, die haben auch nicht vor den Uerdingern Halt gemacht. Nicht umsonst hat damals Trainer Feldkamp die entscheidende Mannschaftsbesprechung draußen am Ufer der Elbe abgehalten. Ein mutiger Mitarbeiter im schicken Hotel Bellevue, wo der Uerdingern Troß abgestiegen war, hatte Feldkamp darauf aufmerksam gemacht, dass der eigentlich vorgesehene Besprechungsraum im Hotel schlecht gelüftet sei. Was nichts anderes hieß, als das der Raum mehr Zuhörer hatte als nur die Mannschaft.


ALEXANDER BURBACH
Aber es ging doch nur um Fußball…


GERD MÜLLER
Nein, hier ging es um die Systemfrage. Und ich meine jetzt nicht das Spielsystem auf dem Platz. Am Ende macht die Stasi Trainer Klaus Sammer sogar Vorschriften, wenn er in den Kader zu nehmen hatte: Frank Lippmann! Der war eigentlich schon draußen und unten durch bei Sammer, wegen zahlreicher Eskapaden, Alkohol und so…aber die Stasi hat am Ende durchgedrückt, dass er gegen Uerdingen spielt..


ALEXANDER BURBACH
Das hätte sich mal jemand bei Kalli Feldkamp trauen sollen…


GERD MÜLLER
Nun, zunächst schien ja der Erfolg der Staatsicherheit Recht zu geben. In der ersten Halbzeit passierte nicht viel, beide Mannschaften schienen ziemlich Respekt voreinander zu haben, aber dann in der 50. Minute macht ausgerechnet „Lippe“, wie ihn alle nannten, das 1:0
Spielt die Szene nach
Dixie Dörner schnappt sich den Ball in der eigenen Hälfte und treibt ihn nach vorne…bis zur Strafraumgrenze der Uerdinger…dann der Ball scheint
schon verloren…aber Herget, der Uerdinger Libero agiert zu lässig…unser Häfner setzt nach, spitzelt den Ball in den 16m Raum, Pilz kommt an den Ball,
rutscht aus und obwohl er fast auf seinem Hintern sitzt, bringt er die Kugel noch weiter an „Lippe“…und der eiskalt aus der Drehung….6- 7 m
vor Vollack…und Tooooor! 1:0 für Dynamo…Wir sind auf der Tribüne total ausgerastet…und wir haben nur noch geschrieen: „Wir wollen weiter!!! Wir wollen weiter!!!“…


ALEXANDER BURBACH
Und irgendwo in der Zentrale der Staatssicherheit in Ostberlin hat sich wahrscheinlich jemand erleichtert in seinem Bürostuhl zurückgelehnt…

GERD MÜLLER
Ja, bis zu diesem Zeitpunkt war die Anweisung der Stasi wohl absolut folgerichtig und es war ja auch nicht das letzte Tor, das „Lippe“ gegen Uerdingen schoß.


ALEXANDER BURBACH
Waren eigentlich Fans aus Uerdingen im Stadion?


GERD MÜLLER
Oh ja, rund 1.000 hatten sich auf dem Weg gemacht zu uns in den Osten. Viele mit dem Privat-PKW, das war damals ja noch eine Weltreise, und es gab -glaube ich- 8 Sonderbusse und sogar 2 Chartermaschinen…


ALEXANDER BURBACH
Ja, was Auswärtspiele angeht, waren wir Uerdingen immer schon besonders engagiert. Manchmal würde ich mir wünschen, dass das mehr auf unsere Heimspiele abfärbt. Obwohl Heimspiele…anderes Thema!
Hattet Ihr denn Kontakt mit uns?


GERD MUELLER
Na ja, eigentlich war das ja nicht erwünscht, aber in so einem großen Stadion mit so vielen Zuschauern ließ sich das auch nicht ganz verhindern. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor dem Spiel mit einigen aus dem Westen nebeneinander an der Pißrinne stand. Westurin und Osturin flossen da zusammen…sozusagen eine Vorwegnahme der späteren Wiedervereinigung.


ALEXANDER BURBACH
Lacht
Die Wende begann wo? In Dresden, auf’m Klo! Sehr schön! Ich glaube, da wäre ich auch gerne dabei gewesen. Lief die Kontaktaufnahme mit dem Westen denn
friedlich ab?


GERD MÜLLER
Absolut! Keine Gerangel, keine Provokationen, keine Prügeleien..das hätte die VoPo im Stadion wohl auch schnell unterdrückt…nein für uns war das schon ein
ganz besonderer Tag und ich denke auch für die Uerdinger…obwohl sportlich es ja nicht toll für sie lief, spätestens als Pilz das 2:0 machte, war denen auch klar, dass die Messe gelesen war, wie ihr das sagt. Nach dem Spiel haben die uns noch eingedeckt mit Bayer 05 Aufklebern, die waren bei uns heiß begehrt… ich habe sogar noch einen.
Holt ihn aus seiner Tasche raus und zeigt ihn Alexander.

ALEXANDER BURBACH
Ein echtes Artefakt!….und jetzt hatten wohl alle ihr Augenmerk auf das Rückspiel in 14 Tagen in der Grotenburg gerichtet.


GERD MÜLLER
Ja, auch ich war das schon ganz „heiß drauf“, wie es so schön heißt, da konnte ich nicht ahnen, dass das Ganze zur absoluten Nebensache geriet. Nein, mehr
noch, ich nahm vom Rückspiel gar keine Notiz, denn dafür war ich zu sehr erschüttert.


ALEXANDER BURBACH
Kathrin!


GERD MÜLLER
Ja! Oh, was war ich stolz auf meine Schwester. Wir durfen ja beide studieren, weil wir aus einem parteipolitisch einwandfreien Elternhaus kamen. Und obwohl sie 2 Jahre jünger ist als ich, kam es mir häufig so vor, als wäre sie viel, viel weiter als ich. Immer die Beste in der Schule, und dann ist sie
auch noch im Studium durchgestartet. „Finnougristik“…ich wußte gar nicht, dass es so ein Fach gab. Finnisch, Ungarisch und Estnisch..gleich
drei Fremdsprachen auf einmal, die Kathrin da lernte…da kam ich mit meinem schon fortgeschrittenen Journalistikstudium auf einmal
ziemlich klein vor…


ALEXANDER BURBACH
Na dafür hast Du es aber weit gebracht,“Mr. Spiegel Beststeller“!


GERD MÜLLER
Ja, aber damals war Kathrin eindeutig der Schatz der Familie und nicht nur dort. Sie war eigentlich überall beliebt, hatte mehr Freundinnen, als ich
zählen konnte, engagierte sich in der FDJ und im MSB.


ALEXANDER BURCHACH
MSB?


GERD MÜLLER
Marxistischer Studentenbund. Zudem war sie Parteimitglied. Gut, ich war auch in der SED, aber ihr hat man das alles noch viel mehr abgenommen, ihren Einsatz für den Staat und das System. Ich glaube, es gab bis zuletzt nicht den kleinsten Schatten, den die Staatsicherheit hätte bemerken können, daher durfte sie auch 1986 nach Budapest zum Studentenaustausch. Schließlich war sie Jahrgangsbeste und sprach schon faktisch fließend Ungarisch.

ALEXANDER BURBACH
Und wann war das?


GERD MÜLLER
Es war Sonntag, der 16. März 1986, drei Tage vor dem Rückspiel in der Grotenburg. Unsere Eltern und ich haben sie noch zum Bahnhof gebracht, dort ist sie in den Zug nach Budapest eingestiegen. Da ahnte ich noch nicht, dass ich meine Schwester über dreieinhalb Jahre nicht wiedersehen würde….
Pause
Als sie in Budapest ankam, muss sie sich schnurstracks zur Botschaft der BRD begeben haben.
(lacht bitter) Damals war da ja noch kein Massenandrang wie 1989. Ich habe später erfahren, dass ihr „Fall“ ganz diskret abgewickelt wurde. Damals
hat man noch alles in der DDR getan, so etwas nicht an die große Glocke zu hängen. 1 Woche später war sie in der BRD. Aber für meine Eltern und mich fing der Horror erst an.


ALEXANDER BURBACH
Hat Kathrin sich denn bei Euch nicht gemeldet?


GERD MÜLLER
Einmal, direkt am Anfang, hat sie mit unseren Eltern telefoniert. Wohl schon aus der Botschaft. Das war ja damals alles nicht so einfach. Dass meine Eltern
überhaupt eine Telefon hatten, war schon eine Besonderheit. Danach -so hat sie uns später erzählt-hat sie wohl zahlreiche Briefe geschrieben, die sind aber wohl alle abgefangen worden. Telefonate gab es nicht mehr, ihr war wohl klar, dass die abgehört würden.


ALEXANDER BURBACH
Verstehe, dass Fußball kein Thema mehr für Dich war.


GERD MÜLLER
Ja, es war ja nicht nur der Schock über ihre Flucht, ich meine, keiner von uns hat das geahnt, sie war so …wie soll ich das sagen….drin, in allem, was unser Land ausmachte..in ihrem Studium….in der Partei..sie schien ein Mustersozialistin…und doch war das alles wohl nur Show…ein lange Vorbereitung für diesen einen entscheidenen Schritt….Und für uns, meine Elten und mich, kam es ganz
heftig…tagelang wurden wir verhört….was wußten wir über Kathrins Flucht…hatten wir ihr geholfen…warum haben wir nichts gesagt….wir beteuerten immer und immer wieder, dass wir keinen Schimmer davon hatten, was Katharina vorhatte….mein Studium, obwohl ich kurz vor dem Abschluß war, stand auf einmal auf der Kippe….hätte sie mich da mit dem „Kicker“ erwischt, wäre ich wohl direkt nach Bautzen gekommen. Unser Vater bekam Probleme im Beruf, schließlich war er auch Lehrer wie Du, aber in einem System wie bei uns durfte jemand, dessen Tochter Republikflucht begangen hat, eigentlich nicht weiter auf die Kinder der DDR losgelassen werden. Man hat ihn in irgendein dunkles Kellerarchiv versetzt, wo er verstaubte Schulakten von einer auf die andere Seite sortieren konnte. Und unsere Mutter wurde richtiggehend krank über Kathrins Flucht.


ALEXANDER BURBACH
Oh Mann, ich glaube, ich brauche jetzt noch einen.
Gießt Schnaps in beide Gläser


GERD MÜLLER
Na, das war der Preis der Freiheit. Und den hatte nicht nur derjenige zu zahlen, der floh, sondern vor allem auch die, die zu Hause zurückblieben. Aber das
Ganze ist jetzt mehr als 30 Jahre her…Ich habe Kathrin längst verziehen und spätestens als wir uns 1990 wiedersahen, war auch für unsere Eltern die
schlimmste Zeit vorbei.


ALEXANDER BURBACH
Oh ja,ich erinnere mich. Kathrin hat mir davon erzählt, wir kannten uns ja gerade mal ein halbes Jahr. Ihr habt sie in Bochum besucht.


GERD MÜLLER
Ja, dort war sie angekommen und studierte sie ja weiter ihre komischen Sprachen und sie ließ da auch paar Bemerkungen fallen, dass sie einen Studenten der Geschichte kennengelernt hatte, der ihr ganz gut
gefiel (lacht). Da wurde mir auch zum ersten Mal wirklich bewusst, was seltsam war an der Zeit, als sie noch in der DDR war. Sie hatte nie einen echten
Freund, eine ernsthafte Beziehung, so weit ich das wußte, trotz ihrer Beliebtheit und ihrer ganzen Kontakte. Ich habe immer gedacht, das läge einfach daran, dass sie für sowas keine Zeit fand, aber ich glaube, es war ihre Absicht, sich nicht fest zu binden denn das hätte es für sie noch schwerer gemacht, die
Flucht tatsächlich durchzuziehen. Für sie war es schon schlimm genug, was sie vermeintlich ihrer Familie angetan hatte.


ALEXANDER BURBACH
Kathrin hat nie viel erzählt über diese Zeit….Ich glaube, für sie war das hier so etwas wie ein Neuanfang…alles auf Null gestellt…und nicht zurückgeblickt….


GERD MÜLLER
Im breitesten Sächsisch Na dann danken wir mal der Bürgerbewegung der Deutschen Demokratischen Republik, dass sie die Familie wieder vereint hat.


ALEXANDER BURCHACH
Prostet Gerd zu, ebenfalls auf Sächsisch
Und auf die Freundschaft und Völkerverständigung zwischen Dresdner und Uerdinger. Hier wächst zusammen, was zusammengehört.
Beide lachen, prosten und kippen ihre Schäpse. In diesem Moment hört man, wie der Schlüssel im Schloß der Wohunungstüre gedreht werden, bei
halten inne, schauen zum Dielengang links, in dem nun Kathrin erscheint, die einen Koffer in der Hand hält. Alexander verschluckt sich fast an seinem Schnaps.


ALEXANDER BURCHACH
Was machst Du denn hier?


KATHRIN BURBACH
Bitte? Ich wohne hier!


ALEXANDER BURBACH
Man merkt, dass die zahlreichen Schnäpse so langsam ihre Wirkung tun.
Aber doch nicht heute Abend!
Aus dem Hintergrund prostet Gerd erneut mit erhobenen Glas, dieses Mal Kathrin zu.


GERD MÜLLER
Hallo Schwesterherz!


KATHRIN BURBACH
Die Einigung mit den Fluglotsen kam schneller als
erwartet. Habe doch noch die letzte Maschine bekommen. Dachte, Ihr freut Euch!


ALEXANDER BURBACH
GERD MÜLLER
gemeinsam Klar!!!!


KATHRIN BURBACH
Schaut sich um und registriert das Chaos
Und was habt Ihr so getrieben? Außer die Wohnung zu verwüsten?


ALEXANDER BURBACH
Ach, nur ein bisschen über Fußball gequatscht!

Freeze der Personen auf der Bühne. Aus dem Off erklingt die Stimme von Rolf Kramer.
ROLF KRAMER
Und der Halbzeitpfiff, meine Damen und Herren. 3:1 für die Dynamos, die zufrieden und lockerleicht in die Kabine gehen können. Was Kalli Feldkamp seinen Mannen sagen wird, das kann man nur ahnen. Wir melden uns
wieder mit dem 2. Durchgang..zurück in die Sendezentrale…zurück zum Heute Journal.


Black / Ende der 1. Halbzeit
(PAUSE)

Copyright. Rüdiger Höfken, Krefeld

Fotonachweis: Deutsche Fußballroute NRW

Das Wunder von der Grotenburg (11)

Szene 11: Notizen aus dem Westen


Noch im Black erklingt die Stimme von DDR-Reporter Heinz Florian Oertel
HEINZ FLORIAN OERTEL
Sparwassser…Sparwasser…und Tooor! Jürgen Sparwasser aus Magdeburg! Hier schauen Sie, unsere Touristen….und unsere Spieler. Die Wiederholung: Noch einmal Achtung, liebe Zuschauer! Eine glänzende Aktion des Magdeburgers! Schauen Sie, wie er Übersicht behält. Noch an dem vorbei..und jetzt..wie er sich die Schußposition schafft..überlegt…und vollendet…eine meisterliche Aktion!


Weiter im Black, jetzt erklingt die Stimme von ZDF-Reporter Werner Schneider
WERNER SCHNEIDER
Sparwasser…und Tor! Ein blitzschneller Konter, das Mittelfeld..in Windeseile überbrückt…und unter mir ein Wald von schwarz-rot-goldenen Fahnen mit Hammer und Zirkel!…Und die Wiederholung: Wunderschön in den freien Raum gespielt, auch Berti Vogts kommt nicht mehr heran..und dann ganz überlegt…der Schuß von Sparwasser.


Licht auf die Bühne. Alexander will gerade noch zwei Uerdingen einschenken und merkt, dass die Flasche leer ist. Er steht auf und geht in die Küche.
ALEXANDER BURBACH
Ich hole uns mal Nachschub! (aus dem Off) Uerdinger ist alle. Aber ich hätte noch Stuffkamp, Jubi und Bommerlunder!


GERD MÜLLER
In der Reihenfolge!


ALEXANDER BURBACH
kommt wieder aus der Küche, mit drei Flaschen und mehreren Tüten Chips und Knabbereien im Arm.
Weißt Du, im Grunde genommen waren wir Euch damals ja im nachhinein sehr dankbar, dass Ihr uns besiegt habt. Die Presse schrieb zwar: „DDR demütigt die
Bundesrepublik“, aber hey, wer ist am Ende Weltmeister geworden?


GERD MÜLLER
Tja, wir hatten Euch halt richtig aufgeweckt. Und es war unser Pech, in der Zwischenrunde dann gegen Brasilien und die Niederlande spielen zu müssen.
Denen seid ihr ja schön aus dem Weg gegangen. Und wir mußten uns mit den dicken Brocken rumschlagen.


ALEXANDER BURBACH
Immerhin waren das großartige Tage für den DDR-Fußball!


GERD MÜLLER
Ja, und 12 Jahre später sollte es noch großartiger werden, denn jetzt hatten wir mit Dynamo Dresden die große Chance, zum ersten ins Halbfinale eines Europapokalwettbewerbs vorzudringen. Es gab nur noch ein Hindernis…


ALEXANDER BURBACH
…und das hieß Bayer 05 Uerdingen!


GERD MÜLLER
Ja, und ganz ehrlich, wir haben damals gedacht….wer ist schon Bayer Uerdingen? Wir sind ja in den 70er Jahren schon auf ganz andere Kaliber aus dem Westen getroffen: Bayern München, Hamburger SV, VFB Stuttgart. 6 Spiele und kein einziger Sieg. Das sollte sich jetzt gegen Uerdingen ändern.

ALEXANDER BURBACH
Was wußtet Ihr denn überhaupt über uns?


GERD MÜLLER
Oh, eine ganz Menge! Obwohl, wie du weißt, „Westpresse“ verboten war bei uns, hatte ich meine Quelle. Und die hieß André Uhlig. Er war ein Klassenkamerad von mir und wir waren auch später häufig in Kontakt. Das war von meiner Seite nicht ganz uneigennützig, denn aus mir bis heute unbekannten Gründen hatte André immer Zugriff auf Zeitungen und Magazine aus dem Westen.


ALEXANDER BURBACH
Du meinst „Frankfurter“, „Süddeutsche“ und son Zeug?


GERD MÜLLER
Ja die auch, aber das Wichtigste war der „Kicker“.


ALEXANDER BURBACH
Der Kicker? Echt jetzt?

GERD MÜLLER
Ja, ob Du es glaubst oder nicht, selbst dieses eigentlich höchst unschuldige Stück Papier war streng verboten. Weiß der Himmel, welche subversiven
Botschaften die Staatssicherheit in den Spielberichten aus der Bundesliga vermutet hat.


ALEXANDER BURBACH
Du hast also regelmäßig den „Kicker“ gelesen?


GERD MÜLLER
Regelmäßig? Oh nein, dafür war mir die Angelegenheit
doch einfach zu riskant und zu teuer.

ALEXANDER BURBACH
Teuer?


GERD MÜLLER
Na ja, André hat seine „Westpresse-Erzeugnisse“ nicht aus reiner Menschenfreude weitergereicht, schließlich war das ja auch für ihn äußerst riskant. Nein, er hat da ein richtiges Geschäft daraus gemacht. Man konnte
die Zeitungen bei ihm „mieten“.


ALEXANDER BURBACH
Woow, Frühkapitalismus in der DDR der 80er, ich bin zwar Geschichtslehrer, aber ich merke, ich kann immer noch was dazu lernen.


GERD MÜLLER
2 Mark für eine halbe Stunde Lesezeit. Das war eine Menge Holz, dafür hätte ich mir mehrere Spiele von Dynamo im Stadion anschauen können. Aber als feststand, dass wir auf Uerdingen treffen werden, war ich doch so neugierig geworden, dass ich das Geld investierte.

ALEXANDER BURBACH
Zeitunglesen gegen Gebühr, dieses Geschäftsmodell entdecken gerade die Tagezeitungen fürs Internet. Dein Kumpel war da der Zeit aber weit voraus. Und
haben sich die 2 Mark denn rentiert?


GERD MÜLLER
Oh ja, ich habe versucht, in der Kürze der Zeit soviel wie möglich abzuschreiben.
blättert in seinem Buch
Hier ist die Abschrift meiner Originalnotizen drin enthalten. Ich hatte teilweise so schnell und mit einer solchen Sauklaue geschrieben, dass ich meine eigene Handschrift nicht mehr entziffern konnte. Daher ist einiges auch einfach aus dem Gedächtnis aufgeschrieben.
Hat die entsprechende Seite in seinem Buch gefunden
Genau, hier: Es gab tasächlich eine ganze Seite, auf der unsere Mannschaft vorgestellt wurde! Im Kicker!! Das allein war schon unglaublich für mich! Und dann noch ein Interview mit Trainer Klaus Sammer: Da wurde er gefragt, warum seine Mannschaft so eine fehlende Konstanz zeigt. „Heute wie Weltmeister, morgen wie Kreismeister.“ Man muss zugeben, da war der Reporter vom Kicker geradezu prophetisch!


ALEXANDR BURBACH
Was hat Klaus Sammer denn geantwortet?


GERD MÜLLER
Liest aus dem Buch vor
„Ach, das war in Dresden schon zu meiner Zeit so. Das ist immer so gewesen. Wir arbeiten daran, es abzustellen.“


ALEXANDER BURBACH
Das heißt, das Drama in Uerdingen war nicht das erste für Euch?

GERD MÜLLER
Ja, meine Mannschaft war schon vorher bekannt dafür, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Und glaub’ mir, die Brote waren oft schon dick beschmiert. Ein Jahr vor Uerdingen waren wir auch im Viertelfinale des Europokals und haben zu Hause Rapid Wien mit 3:0 vom Platz gefegt. Da spielte immerhin Hans Krankl mit, der Euch 1978 in Cordoba so richtig in den Hintern getreten hat.


ALEXANDER BURBACH
Oh, ja ich erinnere mich. Das war MEIN Trauma der Jugend. Ich war 13 und noch heute habe ich habe die Stimme der ÖRF-Reporters Edi Finger im Ohr: Tooooor! Tooor! Tooor! Tooor! Tooor! Tooor! I werd’ narrisch! Krankl schießt das 3:2 für Österreich!!


GERD MÜLLER
Ja, Österreich wurde dann auch unser Trauma. Denn zwei Wochen nach unserem phänomenalen 3:0 Sieg fegten uns die Wiener im eigenen Stadion mit 5:0 vom Platz. Aus der Traum vom Halbfinale. Aber das sollte uns nicht noch einmal passieren. Das wußten die auch beim „Kicker“
Liest wieder aus seinem Buch
„40.000 Zuschauer werden die SchwarzGelben nach vorne und zum Sieg brüllen! Dresdens Publikum ist immer für ein Tor gut!“


ALEXANDER BURBACH
Klingt wie bei Dortmund!


GERD MÜLLER
Liest weiter
„Dynamo Dresden zu Hause, das ist an guten Tagen europäischer Spitzenfußball. Aber Dresden auswärts – da klaffen sogar in der DDR-Oberliga Welten zwischen Können und Tun“. Ich sag ja, die Redakteure vom „Kicker“ waren außerordentlich gut informiert über uns und besaßen wahrlich prophetische Gaben.


ALEXANDER BURBACH
Ganz ehrlich, das alles habe ich nicht gewußt, obwohl ich damals auch ganz gern den Kicker gelesen hatte. Im Gegensatz zu Euch war der ja bei uns nicht
verboten. Aber irgendwie habe ich mich immer nur auf die Artikel über Uerdingen gestürzt.


GERD MÜLLER
Großes Interesse am Osten war nie Eure Stärke, das war ja später nicht anders. Aber ich habe mich damals natürlich auch über den Gegner schlaugemacht und in der halben Stunde, die ich bezahlt hatte, versucht, so viel wie möglich über Uerdingen zu erfahren.


ALEXANDER BURBACH
Na, jetzt bin ich ja mal gespannt!


GERD MÜLLER
Erstmal habe ich mir angeschaut, auf welchem Platz
ihr in der Bundesligatabelle standet. Und da wurde mir schnell klar, das ist allenfalls Mittelmaß: Tabellenachter, 16 Punkte Rückstand auf Tabellenführer Werder Bremen, eine Tordifferenz von -16, außer dem Pokalsieg gegen Bayern München keine nennenswerte Erfolge oder Titel in der Vereinschronik, selten mehr als 10.000 Zuschauer in der Grotenburg, also eine richtig graue Maus.

ALEXANDER BURBACH
Lacht
Mittelmaß? Graue Maus? Ich gäbe meinen rechten Arm her, wenn wir heute als amtierender DFB-Pokalsieger 8. in der Bundesliga wären. Und glaub mir, Ponomarev gäbe seinen noch dazu, wenn wir 10.000 Zuschauer in der Grotenburg hätten. Und ich kann mich erinnern, 1986 waren es manchmal auch mehr Zuschauer, viel mehr Zuschauer!


GERD MÜLLER
Wann war das denn?


ALEXANDER BURBACH
Bevor wir auf Euch trafen, hatten wir es zunächst mit dem FC Zurrieq zu tun, nicht Zürich, Zurrieq, das war der Pokalsieger Maltas. 3:0 und dann zu Hause 9:0, da haben wir richtig was rausgehauen. Und dann wurde uns Galatasary Istanbul zugelost. Das Hinspiel in der Grotenburg sahen sage und schreibe 27.000 Zuschauer, das war der Wahnsinn. Vor allem, wenn man bedenkt,
dass rund 20.000 davon unsere türkischen Mitbürger waren. Die waren aus ganz Deutschland angereist. Wir hatten quasi ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion gegen eine Mannschaft, die im übrigen von Jupp Derwall trainiert wurde. Aber wir haben uns nicht beirren lassen und das Ding mit 2:0 nach Hause gebracht, zwei Wochen später dann ein 1:1 am Bosporus und der Weg ins Viertelfinale war frei.


GERD MÜLLER
Ja, nachdem unsere Reise durch Europa nur 11km voneinander entfernt begonnen hatte, Euch nach Malta und die Türkei führte, uns nach Belgien zu Brügge und nach Finnland zu Helsinki, führte das Losglück uns letztendlich zusammen, zum ersten Mal am 05 März 1986 im Dresdner Rudolf-Harbig Stadion und dann am 19. März in der Grotenburg.


Black

Das Wunder von der Grotenburg (10)

Szene 10 : Europa, wir kommen!


Noch im Black erklingt die Stimme von ARD-Reporter Jochen Sprentzel
JOCHEN SPRENTZEL
…sehr auffällig auf Buttgereit…und Schäfer…Tor!!! 2:1 für Uerdingen. 2:1 für den
Außenseiter! Durch Wolfgang Schäfer! Es ist sein 13. Tor in dieser Saison, wenn man die 12 in der Bundesliga mitrechnet. Hah! Und das ist natürlich
sein Wichtigtes!

Licht auf die Bühne.

ALEXANDER BURBACH
Und das war es! Uerdingen, mein Bayer Uerdingen war DFB Pokalsieger 1985!!! Der Wahnsinn! Ich habe in der Nacht kein Auge mehr zugemacht, was aber auch daran lag, dass wir direkt mit dem Bus zurück nach Krefeld gefahren sind. Irgendwann früh am Morgen kamen wir am Röttgen in Uerdingen an und wurden aus dem Bus geworfen. Da stand ich in dieser nur langsam erwachenden Stadt – es war schließlich Pfingstmontag und alles kam mir irgendwie unwirklich vor. Wir hatten den großen FC Bayern besiegt! Wir waren Pokalsieger!! Wir würden Europapokal spielen!!


GERD MÜLLER
Hat inzwischen nachgeschenkt
Na, dann würde ich sagen, auf die guten alten Zeiten!
Die beiden prosten sich zu.
Dass das DFB-Pokal Endspiel damals überhaupt in Westberlin stattfand, daran waren wir ja nicht ganz unschuldig.


ALEXANDER BURBACH
Inwiefern?

GERD MÜLLER
Nun ja, im Prinzip der gesamte damalige Ostblock. Man hat immer versucht, Westberlin als „Pfahl im Fleisch der DDR“ vom Sportgeschehen in der Bundesrepublik zu isolieren.


ALEXANDER BURBACH
Da wart Ihr aber nicht immer erfolgreich. Wenn ich da an die Fußball WM 1974 denke..da hatten wir unser erstes Spiel gegen Chile in Berlin gehabt…


GERD MÜLLER
Oh ja, und die Auslosung wollte es, dass nicht nur beide deutsche Mannschaften in der gleichen Gruppe spielten, sondern dass die DDR-Mannschaft doch tatsächlich auch ein Spiel im Westberliner Olympiastadion bestreiten musste….ein Alptraum für das Politbüro…


ALEXANDER BURBACH
Und was hat das jetzt jetzt mit dem DFB-Pokalfinale von 1985 zu tun?


GERD MÜLLER
Nun, in den 80er habt Ihr Euch dann ja auch für die Austragung der Fußball EM 1988 beworben. Aber für eine ausreichende Anzahl an Stimmen brauchtet Ihr die osteuropäischen Verbände der UEFA. Und da habt ihr dann gehandelt, ich sag mal, wie damals so manche unserer Schiedsrichter, Stichwort: Vorauseilender Gehorsam!


ALEXANDER BURBACH
Stimmt, jetzt erinnere ich mich, der DFB hatte für eine Ausrichtung der EM Endrunde 88 ohne Berlin….


GERD MÜLLER
Westberlin!


ALEXANDR BURBACH
Ohne Westberlin…als Spielort gestimmt.


GERD MÜLLER
Sport ist und war eben immer auch Politik. Gerade damals in den 80er. Natürlich wußte der DFB, dass er sich da im eigenen Land ziemlich ins Knie geschossen hatte mit dieser Entscheidung. Daher gab es dann, quasi als mickrige Entschädigung gedacht, die Vergabe des DFB-Pokal Endspiels nach Westberlin. Der damalige DFB Präsident Hermann Neuberger besaß dann aber noch nicht mal die Courage, zum Spiel im Mai 85 vor Ort zu sein.


ALEXANDER BURBACH
Was für eine Memme!

GERD MÜLLER
Aber damals, 1974 war Ostblock chancenlos gegen die südamerikanischen und asiatischen Fußballverbände, die alle nichts gegen das Westberliner Olympiastadion als Spielort bei der WM einzuwenden hatten. Das Einzige was noch passierte, war, dass der Name in FIFA WM Stadion Berlin geändert wurde für das Turnier. Also mussten wir da auch ran gegen Chile am 18 Juni 1974. Ausgerechnet Chile…Wer hätte damals gedacht, dass das mal das Exil von Erich Honnecker würde? Damals war Chile für uns das Reich des abgrundtief Bösen! Noch schlimmer als der Westen mit seiner Nato!


ALEXANDER BURBACH
Du meinst wegen Pinochet?


GERD MÜLLER
Exakt! Wenige Monate zuvor, im September 1973, hatte sich General Pinochet gegen den sozialistischen Präsidenten Allende an die Macht geputscht. In der Folge sollen mehr als dreitausend Menschen unter Chiles Militärjunta zu Tode gekommen sein. Und dann war Chile fast schon qualifiziert für die WM 74 und muss noch in einer entscheidenden Relegation ran, ausgerechnet gegen die UdSSR. Sportpolitisch war das der Super-Gau!
Auf Einladung der FIFA haben sich dann Vertreter des chilenischen Verbandes und des Verbandes der UdSSR getroffen in Zürich getroffen. Man muss ja bedenken, zu diesem Zeitpunkt waren die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern längst abgebrochen. Man hat sich dann auf zwei Spiele und Spielorte verständigt. Zuerst spielte man dann in Moskau 0:0. Danach war 14 Tage Pause und plötzlich weigerte sich Moskau, im Santiago de Chile anzutreten. Schließlich soll das Stadion dort als Gefängnis und Folterkammer für Dissidenten genutzt worden sein. Die Folge war wohl eines der kuriosesten Spiele der Fußballgeschichte: Elf Chilenen stehen zum Anstoß im heimischen Estadio Nacional bereit. Aber kein einziger Spieler der UdSSR. Die Chilenen spielen sich den Ball zu, einer schießt: Tor.


ALEXANDER BURBACH
War hoffentlich kein Abseits!


GERD MÜLLER
Lacht
Offensichtlich nicht! Jedenfalls pfeift der Schiedsrichter die Partie ab, weil kein sowjetischer Spieler den erneuten Anstoß ausführen kann. Und damit war Chile für die WM 74 qualifiziert. Und dann mussten ausgerechnet wir gegen Chile bei der Endrunde spielen, und dann auch noch in Westberlin. Was für ein Dilemma. In der Tat stand im Raum, dass wir nicht antreten werden. Andererseits, es war das erste Mal, dass wir uns überhaupt für eine WM Endrunde qualifiziert hatten und wir spielten ja nun – anders als der große sowjetische Bruder es sollte- quasi auf neutralem Boden. Daher hatte man sich bei aller Solidarität mit der UdSSR und Protesthaltung gegen FIFA und Militärjunta für ein pragmatische Lösung entschieden: Die offizielle Parole lautete: „Wer sich für eine Weltmeisterschaft qualifiziert, muss auch die Spielregeln akzeptieren!“ Damit war das Thema erledigt. Auf dem Platz reichte es dann nur zu einem 1:1, aber immerhin waren wir mit 11 Spielern mehr als die UdSSR angetreten.


ALEXANDER BURBACH
Na ja, Ihr habt Chile dann ja über einen Umweg dann doch noch aus dem Turnier gekickt, in dem Jürgen Sparwasser uns richtig einen eingeschenkt hat.


GERD MÜLLER
Und wie! Das 1:0 von Hamburg war sowas wie der Höhepunkt meiner Jugendzeit, ich war damals 13 Jahre alt, aber ich habe heute noch diesen Spielzug in allen Einzelheiten Augen.


ALEXANDER BURBACH
Nicht nur Du!


Black

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Bildnachweis: rp-online

Das Wunder von der Grotenburg (9)

Szene 9 : Ist das ein Pokalspiel!!

Noch im Black erklingt die Stimme von ARD-Reporter Jochen Sprentzel
JOCHEN SPRENTZEL
Dieter Hoeneß….Tor! 1:0 durch Dieter Hoeneß…Ist das die Möglichkeit? Oh, das ist dem Dieter Hoeneß zu gönnen….und schauen sie Kalli Feldkamp an. 8. Minute..1:0 durch diesen Mann..und da freut sich der Udo Lattek…und die Bayern-Fans im Stadion sind aus dem Häuschen…Und das werden wir gleich nochmal sehen, wie er das auch technisch gut gemacht hat…wie er sich um einen Uerdingen herumgewunden hat…und mit seinem eigentlich schwächeren, seinem linken Fuß getroffen hat…Klasse Leistung von Dieter
Hoeneß…geht auch noch an den Innenpfosten…kann man Werner Vollack keinen Vorwurf machen..oh, dieser Dieter Hoeneß ist ein Phänomen…der kann sich, glaube ich brechen, was er will, der spielt immer noch..Ein anderer würde wochenlang pausieren nach einem doppelten Nasenbeinbruch….Auftakt nach Maß für den FC Bayern München….tja, wo war da Nobert Brinkmann? Buttgereit….Riesenchance zum Ausgleich!!!! 1:1…Horst Feilzer…zum 1:1!! Ist das ein Pokalspiel!9. Minute, nur 60 Sekunden später…ja, das haben sich insbesondere die neutralen Zuschauer und sicherlich aus Sie an den Fernsehgeräten – wenn Sie nicht gerade mit den Bayern, mit den Uerdingern es halten – haben Sie sich es gewünscht! Klarer Abwehrfehler beim FC Bayern München! Schauen Sie, wie schlecht da distanziert wird…und dann Feilzer zum 1:1

Licht auf die Bühne. Die Szene spielt wenige Minuten später

ALEXANDER BURBACH
…und ich sitze da im Stadion, ungefähr auf Höhe der Mittellinie,  fantastische Sicht…und dann macht der lange Hoeneß das Ding…und wie…das war nicht brachial… das war gekonnt ausgespielt….Ronaldo könnte das nicht besser…und ich sitze da auf meinem Tribünenplatz, kann es nicht fassen, vergrabe den Kopf in meinem Händen und denke nur noch: Oh Mann, jetzt machen sie uns fertig, warum bist du nur nach Berlin gefahren…das gibt ein Desaster, das gibt….und plötzlich springen alle um mich herum und jubeln und schreien, ein wildfremder Mann umarmt mich, 1:1…und ich habe das gar nicht mitbekommen, ich stand noch immer unter Schock, was der Hoeneß das veranstaltet hatte….und dann schlägt der Feilzer zu! 1:1…und ich Trottel hab’ auf den Boden gestarrt…….

GERD MÜLLER
Hauptsache, der Ball war drin. Du konntest es Dir doch bestimmt später noch einmal im Fernsehen anschauen.

ALEXANDER BURBACH
Oh ja, mein Onkel hatte sich bereits 1984 einen Videorecorder zugelegt. Hat ihn damals ein halbes Vermögen gekostet, ähnlich wie Deine Erika! Und natürlich hatte er das Spiel aufgezeichnet! Weiß gar nicht, wie oft ich mir das später immer wieder angeschaut habe. Irgendwann war die VHS-Kassette komplett ausgeleiert. Gab’s bei Euch eigentlich Videorecorder?

GERD MÜLLER
Hach ja, aber erst sehr viel später ! Ich glaube, so kurz vor der Wende muss das gewesen sein, Septembe 89 oder so, da gab es die ersten Recorder in
DDR-Geschäften, die nicht nur in den Intershops gege Westwährung angeboten wurden. Ich erinnere mich da an einen Sanyo aus Japan, der kostete damals, glaube ich, so rund 7.400 Mark. Das war quasi ein halbes
Jahreseinkommen, das konnte sich kein Mensch leisten. Beziehungsweise die Bonzen aus Wandlitz hatte schon längst so ein Ding im Wohnzimmer stehen, dass sie sich mit Devisen aus dem Westen besorgt hatten.

ALEXANDER BURBACH
89 hatte ich auch meinen ersten eigenen Videorecorder, der hatte mich auch noch eine ganze Menge gekostet, konnte ich mir als Student eigentlich gar nicht leisten, aber was solls’, wir haben nächtelang Filmparties veranstaltet, Bud Spencer und Terence Hill, Dirty Harry mit Clint
Eastwood, dann Burt Reynolds, Chuck Norris, Charles Bronson und all das ganze Zeug…

GERD MÜLLER
Na, das nenne ich mal eine cineastische Früherziehung…

ALEXANDER BURBACH
Und das alles auf VHS. In den 80ern hatten wir ja den großen Formatkrieg, weißt du? Hey, worauf guckts Du? VHS, Betamax oder Video 2000? Weißt Du, warum sich VHS durchgesetzt hat?

GERD MÜLLER
Wegen der Qualität?

ALEXANDER BURBACH
Nee, nicht wirklich. Wenn ich an die ganzen Streifen denke beim Abspielen der VHS-Cassetten. Da half manchmal nur, kräftig auf den Recorder draufhauen. (schlägt laut mit der flachen Hand auf den Tisch) Damals hat die Prügelstrafe bei der Technik noch geholfen. Nein, den Ausschlag gab am Ende die Pornoindustrie.

GERD MÜLLER
Ach?!

ALEXANDER BURBACH
Ja, Pornos waren fast ausschließlich auf VHS zu bekommen, Betamax und Video 2000 hatten sich da komplett zurückgezogen, ein strategischer Fehler, wie sich im nachhinein raustellte. Fast die Hälfte der Filme, die auf VHS rauskamen, waren Pornos…habe ich mal gelesen…das sicherte dem Videorecorder den weltweiten Siegeszug…und mit dem Internet ist es ja
faktisch genauso gelaufen….

GERD MÜLLER
Äähm, wir sind jetzt aber irgendwie vom Thema abgekommen. Wie lief das Spiel denn weiter?

ALEXANDER BURBACH
Ach so, ja also plötzlich stand es 1:1, zack, aus heiterem Himmel, und ich, der das gar nicht mitbekommen habe, beschloß, ab sofort für keinen Moment mehr den Blick vom Spielfeld zu nehmen. Ich glaube, ich habe danach nie mehr so konzentriert ein Fußballspiel geguckt. Ich war wie im Trance…

GERD MÜLLER
Aber es hat sich gelohnt…

ALEXANDER BURBACH
Und wie! Die Uerdingen wurden immer frecher und selbstbewußter. Bald war vom großen „FC Bayern“ nicht mehr viel zu sehen. Da spielte zum Beispiel der junge Lothar Mattäus mit, der war so abgmeldet, wie heute
als möglicher Trainer für eine echte Spitzenmannschaft. Wir hatten Riesenchancen, trotzdem stand es zur Halbzeit nur 1:1. „Nur!!“, und das gegen die Bayern.

GERD MÜLLER
Gießt zwei „Uerdinger“ nach
Dann auf eine gelungene zweite Halbzeit. Prost!
Die beiden kippen ihre Schnäpse.

ALEXANDER BURBACH
Das wurde sie. Verdammt gut wurde sie. Tu mal noch einen.
Gerd gießt nach, die beiden prosten einander zu und kippen die Schnäpse erneut.
Es hat uns natürlich in die Karten gespielt, dass der Dremmler kurz nach der Halbzeit die rote Karte bekam. Völlig zu Recht übrigens, wie er da in den Wolfgang Funkel reingerauscht ist. Aber ich bin sicher, an diesem Tag hätten wir auch so gewonnen, 11 gegen 11, und dann kam die 67. Minute, der große Moment von Wolfgang Schäfer, den alle nur „Die Kapp“ nannten.

Black

Copyright: Rüdiger Höfken

Fotonachweis: imgao

 

Horst Feilzer – Ein Uerdinger Held

Das Wunder von der Grotenburg (8)

Szene 8: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“

Noch im Black erklingt die Stimme von ARD-Reporter Jochen Sprentzel


JOCHEN SPRENTZEL
Dies, meine Damen und Herren, ist der Pokal, um den heute Abend hier im Berliner Olympiastadion geht. Ich heiße Sie herzlich willkommen zu diesem Spiel FC Bayern München – Bayer 05 Uerdingen….eine großartige Kulisse…..70.000 Zuschauer im fast ausverkauften, traditionsreichen Berliner
Olympiastadion…allen Unkenrufen zum Trotz also haben die Berliner dieses Pokalendspiel angenommen… man freut sich natürlich besonders darüber, dass aus München und Uerdingen so viele Schlachtenbummler nach Berlin gekommen sind…aus München, etwa 10.000, aus Uerdingen so sechs…siebentausend, die hier schon seit einigen Stunden ein Höllenspektakel in dieser schönen Berliner Arena veranstalten.


Licht auf die Bühne. Gerd sitzt auf der Couch und öffnet zwei neue Flaschen Bier, Alexander sitzt am Esstisch und tippt auf der Tastatur des Laptops


ALEXANDER BURBACH
Schon verrückt….


GERD MÜLLER
Was?

ALEXANDER BURBACH
Unser Teil der Geschichte begann ja gerade mal 11 km Luftlinie von Euch entfernt. Hier schau mal..(winkt Gerd zu sich heran, der aufsteht und mit den beiden, jetzt geöffneten Bierflaschen zu Alexander an den Tisch kommt). Ich hab’ das gerade mal auf Google Maps eingegeben…


GERD MÜLLER
Auf was?


ALEXANDER BURBACH
Du bist echt noch analog unterwegs, was? Ich finde das klasse, beneidenswert sozusagen, das Ganze hier raubt einem eh mehr Zeit als es spart…Sag mal, wie
schreibst Du eigentlich Deine Bücher?


GERD MÜLLER
Mit Erika!


ALEXANDER BURBACH
Ist das deine Sekretärin?


GERD MÜLLER
Lacht
Nein, ich meinte „Die Erika“ vom VEB Schreibmaschinenwerk in Dresden. Ist bis heute meine treue Begleiterin und funktioniert auch bei Stromausfall und ohne Internet.


ALEXANDER BURBACH
Eine Schreibmaschine? So was gab’s in der DDR?

GERD MÜLLER
Aber ja. War allerdings auch ein Luxusartikel für uns. Die meisten Schreibmaschinen haben wir in den Westen exportiert. Meine „Erika“ habe ich mir im wahrsten Sinne des Wortes vom Munde abgespart.


ALEXANDER BURBACH
Was hat die denn gekostet?


GERD MÜLLER
485 Mark. Das war Mitte der 80er verdammt viel Geld für uns. Für die gleiche Summe hättest du über 500 Brote bekommen.

ALEXANDER BURBACH
Dann war Deine Schriftstellerei am Anfang sozusagen „brotlose Kunst“!


GERD MÜLLER
So kann man das sehen!…Aber was war denn jetzt mit
den 11 km?

ALEXANDER BURBACH
Ach so, ja! (deutet auf den Bildschirm des Laptops) Schau mal: Hier stand das „Stadion der Weltjugend“ in Berlin-Mitte, damals tiefster Osten. Dort habt ihr
den BFC Dynamo mit 3:2 nach Hause geschickt.


GERD MUELLER
Ja, und 1992 wurde es abgerissen für die Berliner Olympia-Bewerbung 2000. Ist ja dann nix draus geworden. Weißt du, was da heute steht?


ALEXANDER BURBACH
Nein?!


GERD MÜLLER
Die Zentrale des BND! Vom Zuhause des Stasi-Vereins BFC hin zur Zentrale des Deutschen Geheimdienstes, wenn das mal keine folgerichtige Entwicklung ist.
Wahrscheinlich arbeitet das noch in Teilen das gleiche Personal, gelernt ist schließlich gelernt.


ALEXANDER BURBACH
Jedenfalls, wenn Du 11 km Luftlinie Richtung Westen gehst, landest Du beim Berliner Olympiastadion. Und dort haben wir uns am 26. Mai 85 den Pokal geholt, also knapp 2 Wochen vor Eurem Coup. Wir waren so nah zusammen und doch so weit entfernt voneinander, wie man sich nur vorstellen kann.


GERD MÜLLER
Warst Du live dabei?


ALEXANDER BURBACH
Und ob! 20 Jahre alt war ich damals. Ich werde dieses Wochenende nie vergessen. Nicht nur, weil wir Pokalsieger wurden, es war auch meine erste Reise nach Berlin und meine erste Erfahrung mit der DDR.


GERD MÜLLER
Transit?


ALEXANDER BURBACH
Genau, wir sind mit dem Bus über Hannover und dann zum Grenzübergang Helmstedt/Marienborn. Das war irgendwie surreal für mich. Ich meine, ich wollte einfach in eine deutsche Stadt fahren und dann wurdest Du von Uniformierten kontrolliert und bekamst einen Stempel in Deinen Ausweis. Dieser Stempel….ich glaube, das war für mich das erste Mal, dass ich überhaupt begriffen habe, dass sowas wie die deutsche Teilung überhaupt existiert.


GERD MÜLLER
Ich denke mal, Ihr seid dann in einem Rutsch nach Westberlin durchgefahren?

ALEXANDER BURBACH
Au ja, keiner hatte Interesse daran, an so einer Mitropa Raststätte zu halten. Dort soll es von Spitzeln ja nur so gewimmelt haben. Nur kein Kontakt zu DDR-Bürgern, das war das Credo. In Deinem Buch „Sonnenuntergang in Sachsen“ habe ich übrigens später gelesen, dass selbst die Tankstellenmitarbeiter an
der Transitstrecke wohl Stasi-Mitarbeiter waren. Ihr wart echt paranoid mit Eurer Überwachung.


GERD MÜLLER
Tja, heute gebt ihr ja alles freiwillig preis in dem da (zeigt auf das Laptop)

ALEXANDER BURBACH
Auch wieder wahr…..Jedenfalls unser Busfahrer ist einfach durchgefahren bis zum Grenzübergang Drewitz/Dreilinden und dann waren wir endlich in
Berlin. Zum Glück hatte unser Bus ein Klo, bei dem ganzen Bier, das wir während der Fahrt in uns reingeschüttet hatten. „Zieht den Bayern die
Lederhosen aus!“ Auf dem Ku’damm ging es dann weiter.


GERD MÜLLER
Ja, da war ich auch. Allerdings erst rund 4 Jahre später….

ALEXANDER BURBACH
Du warst am 09 November 1989 in Berlin?


GERD MÜLLER
Ja, ich war zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. War damals noch ein junger Journalist und sollte aus der Hauptstadt berichten. Ich war dann bei den
ersten, die in dieser Nacht „rübergingen“…


ALEXANDER BURBACH
Wahnsinn…und…ich meine…wie war das? Was hast Du gedacht?

GERD MÜLLER
Eigentlich habe ich nur an Kathrin gedacht, wo sie wohl war zu diesem Zeitpunkt, ob sie mitbekam, was da los war in Berlin und ob wir uns jetzt wohl
wiedersehen würden. Vor allem aber habe ich gedacht, Kathrin, warum hast du nicht warten können, 3 Jahre…es waren doch nur 3 verdammte Jahre, warum
bist nur weggegangen 1986?


ALEXANDER BURBACH
Kathrin hat fast nie mit mir über ihre Flucht gesprochen, ich wollte sie auch nicht bedrängen, aber ich habe immer gespürt, dass das etwas war, was sie
sehr belastete…das Gefühl, dass Sie Euch im Stich gelassen hatte….

GERD MÜLLER
Geistesabwesend. Man merkt, dass er über dieses Thema nicht sprechen will…noch nicht.
Ja, ich weiß…(dann sich aus seinen Gedanken reißend)..wie ist es denn weitergegangen für Dich an diesem Sonntag in Berlin?


Black

Copyright: Rüdiger Höfken

Das Wunder von der Grotenburg (7)

Szene 7: Weinrot-Weiße Ostberliner Scheiße

Noch im Black erklingt die Stimme von DDR-Reporters Gottfried Weise
GOTTFRIED WEISE
Döschner vernascht zwei Mann…und Minge! Jetzt schießt er das Tor! …Jetzt schießt er das Tor!..Ein herrliches Tor von Ralf Minge, der nahezu keinen
Grashalm auf diesen Rasen bisher unbetreten gelassen hat…ein Laufwunder…ein Energiebündel….“Zugabe“ schreit es, klingt es vom Block der SchwarzGelben…herrlich diese Studie…im Stile eine englischen Mittelstürmers schraubt er sich in die Höhe…und überwindet Bodo Rudwaleit..3:1 für Dynamo
Dresden…

Licht auf die Bühne, die Szene schließt direkt an.


ALEXANDER BURBACH
Verpfiffen? Aber Ihr habt doch gewonnen!


GERD MÜLLER
Ja, 3:2, aber das war eigentlich ein Wunder bei den
Schiedsrichterleistungen

ALEXANDER BURBACH
Ach ja, wir wettern doch immer gegen die Schiedsrichter. Ich meine, wie sie es machen, machen sie es verkehrt.


GERD MÜLLER
Ich rede hier nicht von menschlichen Fehler, ich weiß auch, die Schiedsrichter sind heute ganz arme Schweine, bei dem Tempo des Spiels überhaupt noch die
Übersicht auf dem Platz zu behalten, ist ja schon eine Kunst an sich, und wenn sie dann etwas entscheiden, quatschen ihnen die Besserwisser aus Köln rein, weil sie auf ihren Monitoren in der 35. Wiederholung in Superslowmotion und Großaufnahme meinen, alles besser gesehen zu haben. Nein, hier rede ich von klarer Manipulation!


ALEXANDER BURBACH
Manipulation? Du meinst so wie bei Robert Hoyzer?


GERD MÜLLER
lacht

Robert Hoyzer! Der trieb doch noch im Lauftstall hinterm Krabbelgitter sein Unwesen, da hatten wir in der DDR doch schon längst den größten Schiedsrichterskandal, den in Deutschland je gab.

ALEXANDER BURBACH
Habe ich gar nicht mitbekommen!


GERD MÜLLER
Wie auch! Wer interessierte sich im Westen schon für den DDR-Fußball? 1974 habt Ihr Euch vielleicht mal kurz erschrocken, als der Jürgen Sparwasser das Ding reingemacht hat. Aber sonst? Für Euch waren wir doch so weit weg wie Äquatorial-Neu-Guinea!


ALEXANDER BURBACH
Stimmt. Aber was war denn jetzt mit den Manipulationen?


GERD MÜLLER
Ich rede nicht von einem verpfiffenen Spiel, ich rede von mindestens 10 verdammten Jahren. Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Systemfrage.


ALEXANDER BURBACH
Du meinst…


GERD MÜLLER
Das kam im Prinzip von ganz oben. BFC Dynamo war das Lieblingsspielzeug von Erich Mielke, also sozusagen der Stasi Verein Nr. 1. Traten meist in weinroten Trikots auf und auswärts ganz in unschuldigem Weiß.
Gelbe oder Rote Karten haben die ganz selten gesehen. Wir haben dann im Stadion immer gerufen: „Weinrot-Weiße Ostberliner Scheiße“, das war der
Gipfel an Widerstand, dem man sich erlauben konnte.


ALEXANDER BURBACH
Wurden die Schiedsrichter denn bestochen?


GERD MÜLLER
Bestechung? Nein, so etwas gab es nicht im real exisitierenden Sozialismus, das haben wir dem kapitalistischen Klassenfeind überlassen. Nein, in den meisten Fällen war es – nennen wir es mal:
„Vorauseilender Gehorsam“


ALEXANDER BURBACH
Und was haben die Männer in Schwarz sich davon versprochen?


GERD MÜLLER
Nun das war ganz einfach: Sie wollten international pfeifen, Länderspiele, Europapokal. Fußballschiedsrichter zu sein war eine legale Möglichkeit, in den Westen zu reisen, Tagesgeld zu bekommen in Westwährung, nicht dieses Micky-Maus Geld, was wir hatten. Aber es reichte nicht aus, wenn Du ein guter Schiedsrichter warst, du brauchtest jedes Jahr auf neue die Bestätigung als Reisekader. Und von wem hast du die bekommen?

ALEXANDER BURBACH
Von der Staatssicherheit?


GERD MÜLLER
Bingo! Für Erich Mielke war das der perfekte Hebel. Von 1978 bis 1988 wurde der BCF Dynamo 10 Mal in Folge DDR Meister. Und das bestimmt nicht nur wegen der guten Nachwuchsarbeit. Oder sagen wir mal so, die Nachwuchsarbeit spielte sich auch im Bereich der Staatsicherheit ab. Nach der Wende kam raus, dass eine Reihe von Schiedsrichtern, die damals im Sinne des BFC Dynamo gepfiffen hatten, als IM bei der Stasi geführt wurden. Einer war sogar als „IM Schwarz“ erfaßt!


ALEXANDER BURBACH
Wie kreativ!


GERD MÜLLER
Ja, kreativ war auch Schiri Manfred Roßner im Endspiel gegen uns. Allerdings war es dieses Mal selbst unserem Verband zu viel. Es gab eine nachträglich Videoanalyse des kompletten Spiels und eine achtköpfige Funktionärsgruppe unter der Leitung des Verbandspräsidenten Günther Erbach hat dann folgendes rausgefunden:
Blättert in seinem Buch, liest dann vor

„Insgesamt konnte dem Schiedsrichter 17 grobe Fehler nachgewiesen werden, davon 14 zu Gunsten des BFC. Die Fehlentscheidungen gegen Dynamo Dresden waren insgesamt qualitativ hochwertiger im negativen Sinne -ja so geschraubt hat man sich damals ausgedrückt bei uns-, also die Fehlentscheidungen waren schwerwiegender, da sie zum Teil im torgefährlichen Raum gefällt wurden und spielentscheidenden Charakter hätten tragen können wie die Nichtanerkennung eines klar regulären Tores von Ralf Minge.


ALEXANDER BURBACH
Wooow! Videobeweis! Schiedsrichtermanipulationen im großen Stil! Und das alles bereits in den 80ern. Da war der DDR-Fußball uns ja weit voraus.


GERD MÜLLER
Als Fan von Dynamo Dresden blieb dir nur stille Wut und ein bißchen Gegröle im Stadion, aber im Grunde genommen herrschte die reine Resignation. Wie hatte
das Trainer Klaus Sammer mal so schön gesagt: Mehr als ein oder zwei Mal Pokalsieger werden, mehr war in dieser Zeit nicht drin. Aber immerhin hat er dem BFC zwei Mal das Double vermasselt, und das im Weltstadion der Jugend, in der Höhle es Löwen in Berlin.
Blättert noch einmal im Buch
Hier, das ist auch ein schönes Bonmot von ihm. „Ich glaube, ich war der einzige DDR-Bürger, vor dem Erich Mielke Angst hatte.“


ALEXANDER BURBACH
Die Macht des Fußballs!! Was wurde denn aus den ganzen Schiedsrichtern, die Erich zu Diensten waren?


GERD MÜLLER
Manfred Roßner, der aus dem Endspiel, wurde tatsächlich nach der Videoanalyse für die Oberliga gesperrt. Aber viele, auch und gerade die IMs haben dann nach der Wende in den Neunzigern beim DFB einfach weitergemacht, Spiele in den höchsten Klassen gepfiffen oder repräsentative Ämter in den Verbänden bekleidet.


ALEXANDER BURBACH
Irgendwie kommt mir das doch sehr bekannt vor.


Black

Das Wunder von der Grotenburg (6)

6. Szene: Aufpassen, aufpassen!

Noch im Black erklingt die Stimme von ZDF-Reporter Rolf Kramer
ROLF KRAMER
Kirsten…..Aufpassen! Aufpassen!….zu spät! Glänzend herausgespielt….Lippmann…35 Minuten gespielt…auch im Hinspiel war er erfolgreich….ich glaube, das nennt man einen klassischen Konter. Der schnelle Kirsten…wird rechts freigespielt…dann die Flanke…Vollack kommt nicht heran….vorbei…fast englisch…am ganzen freien Tor….sie reklamieren da zwar noch Abseits, aber Frank Lippmann macht das 2:1. …… Man kann jetzt natürlich wieder rechnen, aber es wird langsam eine Rechnung, die nur noch sehr, sehr schwer aufgeht.

 
Licht auf die Bühne. Es ist einige Zeit vergangen. Gerds Koffer und Mantel sind verschwunden (im Gästezimmer, falls da noch Platz ist?), auf dem Couchtisch stehen mehrere Bierflaschen und zwei Teller mit Pizzaresten. Gerd „knabbert“ noch an einem Viertelstück, während Alexander völlig vertieft in Gerds Buch ist.

 
GERD MÜLLER
Kauend
Willst du jetzt die ganze Nacht hier sitzen und lesen?

 

ALEXANDER BURBACH
Was? Nein! Aber das ist so…egal…lass uns anfangen! Ich würde sagen, ich mach den Warm-up für Dich! Was meinst Du, wie wäre das?
Steht auf und geht nach vorne an den Bühnenrand, nimmt die Pose eines Moderators oder Entertainers ein.
Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu einer Nacht, in der das Unmögliche wahr wurde, einer Nacht, die jeder Wahrscheinlichkeit trotzte. Eine Nacht, die in die Geschichte einging und von der wir noch unseren Enkeln und Urenkeln erzählen werden. Herzlich willkommen zum „Wunder von der Grotenburg“!!

 
GERD MÜLLER
Kommt ebenfalls nach vorne
Stop, Stop! So geht das nicht. Also „Wunder“, da klingt jetzt doch ein bißchen zu..wie soll ich sagen…märchenhaft…so, als wäre es eine göttliche Fügung gewesen…

 
ALEXANDER BURBACH
Aber es war doch wie im Märchen…

 
GERD MÜLLER
Papperlapapp…alles Fakten…steht alles hier drin (klopft auf das Buch) Nichts erfunden und nichts dazugedichtet. Und außerdem sollte man vielleicht erst einmal den Buchtitel erwähnen, oder?

 
ALEXANDER BURBACH
Gut, ich versuchs’ nochmal. Mein Damen und Herren, er trägt einen der großen
Namen des Deutschen Fußballs!!! Und doch hat er nie ein Tor geschossen, von dem die kommenden Generationen noch schwärmen werden. Nein, er ist wahrlich einer der, wenn nicht der bekannteste und profilierteste Chronist der Deutschdeutschen Geschichte überhaupt. Sein großartiges Werk „Sonnenuntergang in Sachsen“ hat Standards gesetzt und ist in diesem Land eins der meist verkauften Sachbücher aller Zeiten. Nun habe ich die große Freude, seinen neuesten großen Wurf anzukündigen „Der Tag, an dem die DDR unterging!“ Bitte begrüßen Sie aus Dresden den unglaublichen, den fantastischen, den einmaligen Gerd Müller!!!!

 
GERD MÜLLER
Bewegt seine rechte Hand vor seiner Stirn hin und her, macht das „Balla Balla Zeichen“
Ich glaube, wir lassen das mit der Ankündigung erstmal, das können wir später noch regeln. Lass uns mal mit der Geschichte weitermachen!

 

ALEXANDER BURBACH
Ok!
Pause
Äh..wo jetzt genau?

 
GERD MÜLLER
Nun, die Frage ist ja, wie konnte es überhaupt zu dieser Paarung Dynamo Dresden -Bayer Uerdingen 1986 kommen? Im Europapokal der Pokalsieger?

 
ALEXANDER BURBACH
Öh..Losglück? Und weil vorher beide Pokalsiege wurden jeweils in ihrem Land?

 
GERD MÜLLER
Richtig!

 
ALEXANDER BURBACH
Obwohl, „jeweils in ihren Land“ klingt jetzt etwas komisch für mich. Ich meine,  irgendwie ist….war doch alles Deutschland.

 
GERD MÜLLER
Na, das ist historisch nicht ganz korrekt. Es gab die DDR und die BRD.

 
ALEXANDER BURBACH
Ja, das war Eure Sicht!

 
GERD MÜLLER
Und die von über 200 anderen Ländern. Seit 1973 waren wir in der UNO und spätestens seit 1974 waren wir quasi in der ganzen Welt anerkannt.

 
ALEXANDER BURBACH
Du hast gerade „Wir“ gesagt…

 
GERD MÜLLER
Was?

 
ALEXANDER BURBACH
„Wir“, die DDR….das ist jetzt schon ein bißchen aus der Zeit gefallen…

 
GERD MÜLLER
Das ist meine Geschichte. Und im übrigen habt Ihr uns ja 1972 auch „faktisch“ anerkannt, durch den Grundlagenvertrag….

 
ALEXANDER BURBACH
Jetzt sagst du „Ihr“…als gäbe es noch immer zwei Deutschlands…

 
GERD MÜLLER
Vielleicht ist das ja auch so…

 

ALEXANDER BURBACH
Ok, lass uns mal zum Thema zurückkommen. Also es gab zwei Pokalsieger in zwei (malt Anführungszeichen in die Luft) „deutschen Staaten.“ Wie war das bei Euch? Oh Mann, jetzt fang ich noch an mit dem „Euchzen“

 
GERD MÜLLER
Nun, ähnlich wie Du, war ich damals das, was man wohl einen „großen Fan“ seines Vereins nennt. Wann immer ich konnte, habe ich mir damals die Spiele meines
„Dymamo Dresden“ im Stadion angeschaut. Das war gar nicht so einfach, ich studierte schließlich in Leipzig an Uni, das „Rote Kloster“ wurde sie genannt dort wurde die nächste Generation der stramm sozialistischen Partei-Journalisten ausgebildet. Ich war einer von denen. Hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben, würde ich wohl heute noch „ideologisch korrekte“ Artikel für „Neues Deutschland“ schreiben.
Oder Sportreportagen. Wer weiß? Damals war „Dynamo“ meine große Liebe, 45 Pfennige hat eine Eintrittskarte gekostet, Stehplatz, ermäßigt. 45 Pfennige, das war ungefähr so viel wie für eine Flasche Club Cola. Sei froh, dass Du das Zeug nie trinken musstest.

 
ALEXANDER BURBACH
Und Ihr seid 1985 -wie wir- Pokalsieger geworden?

 
GERD MÜLLER
Genau! Bloss war es bei uns natürlich nicht der DFB-Pokal, nein wir hatten den FDGB-Pokal!

 
ALEXANDER BURBACH
FDGB?

 
GERD MÜLLER
Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, sozusagen unser Sponsor!

 
ALEXANDER BURBACH
„Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“, das paßt ja zum Arbeiter- und Bauernstaat.

 
GERD MÜLLER
Ja, am 8. Juni 1985 war es soweit: Im „Stadion der Weltjugend“ in Berlin trafen wir auf unseren absoluten Erzrivalen Berliner FC Dynamo.

 
ALEXANDER BURBACH
Erzrivale? Etwas so wie Dortmund und Schalke?

 
GERD MÜLLER
Schlimmer! Dafür musst Du wissen, dass 1954 von ganz oben verfügt wurde, dass die damalige Dresdner Mannschaft, immerhin der amtierende Meister nach Berlin zum FC Dynamo delegiert wurde. Wir mussten die Spieler einfach abgeben, weil die Staatsmacht es so wollte. Schließlich war Berlin die Hauptstadt. Das wäre so, als würde heute die Bundesregierung bestimmen, dass alle Spieler von Bayern München bei Hertha BSC zu spielen haben.

 
ALEXANDER BURBACH
Das fände ich aber ganz spaßig. Allein wegen Uli Hoeneß. Der würde wahrscheinlich so einen roten Kopp kriegen, den könntest du noch aus dem Weltall sehen. Und jetzt war dieser Haßverein quasi Euer Endgegner im Pokalfinale?

 
GERD MÜLLER
Ja, und sie waren schon Meister, zum 7. Mal in Folge! Aber wir waren der Pokalverteidger, denn wir hatten bereits im Vorjahr gewonnen. Gut, wir wären jetzt
auch bei einer Niederlage in den Europapokal der Pokalsieger gekommen, aber wir waren stolze Sachsen, wir wollten als Gewinner nach Europa.

 
ALEXANDER BURBACH
Und Ihr habt sie platt gemacht?

 
GERD MÜLLER
Na, ganz so einfach wurde das nicht! Ich hatte damals das große Glück im Stadion zu sein, ich war einer von 48.000, die eine Karte hatten, fast eine Nacht hatte ich dafür angestanden vor der „Dresden-Information“, aber Anstehen war ja etwas, worin große Erfahrung hatten. Jedenfalls, ich war im Stadion und da waren unglaublich viele weitere Dresdner, eine schwarzgelbe Wand wie sonst nur in Dortmund und wir haben inbrünstig geschmettert: „Hehoheehohee, wir hassen den BFC! Wir hol’n uns den FDGB-Pokal und wir scheißen auf den Meister“!

 
ALEXANDER BURBACH
Das war erlaubt?

 
GERD MÜLLER
Nun, selbst die Stasi konnte ja nicht mehrere 10.000 Leute auf einmal überwachen.

 
ALEXANDER BURBACH
Gut, und wie lief das Spiel dann?

 
GERD MÜLLER
Wir wurden komplett verpfiffen!

 

Black

 

 

Das Wunder von der Grotenburg (5)

5. Szene: Chancen über Chancen

 

Noch im Black erklingt die Stimme von ZDF-Reporter Rolf Kramer

ROLF KRAMER
Die 7. Ecke…wieder eine Torchance oder vielleicht doch mehr…Feilzer….Funkel…und…auf der Linie!!! Ecke! Erneut! Schäfer…Bommer! Ist das denn die Möglichkeit, dass die bei Eckstößen so verwundbar sind?

 

Licht auf die Bühne. Alexander und Gerd sitzen auf der Couch, auf dem Tisch steht die Flasche „Uerdinger“ und zwei Gläser, die Gerd gerade nachfüllt. Währenddessen blättert Alexander interessiert in dem Buch, das er von Gerd erhalten hat.

 

ALEXANDER BURBACH
Das ist unfassbar. Da stehen ja Dinge drin, die habe ich noch gar nicht gewusst.

 

GERD MÜLLER
Nun, das ist ja der Sinn eines solchen Buches. Wenn Du schon alles wüsstest, was drin steht, würdest Du es wohl kaum kaufen. Gut, in diesem Fall ist es ja eh ein Geschenk.

 

ALEXANDER BURBACH
Zerstreut
Ja, danke, danke….aber woher…woher hast du all diese Informationen?

 

GERD MÜLLER
Quellen!

 

ALEXANDER BURBACH
Ha, die alte Journalistenehre! Nur nicht zuviel verraten….Aber sag mal, wann und wo hast du eigentlich deine erste Lesung? Ich meine, wenn es hier in Krefeld wäre, dann wüßte ich doch davon, da hätte ich doch was von gehört…

 
GERD MÜLLER
Nein, nach Krefeld bin ich nur gekommen, um Euch zu sehen. Wie lange habe ich meine Schwester schon nicht mehr gesehen? Das ist schon über ein Jahr her. Das wurde mal langsam wieder Zeit. Und jetzt war die Gelegenheit da, wo meine Tournee in Düssedorf beginnt.

 
ALEXANDER BURBACH
In Düsseldorf??

 
GERD MÜLLER
Ja?!

 
ALEXANDER BURBACH
Du willst mir allen Ernstes erzählen, dass Du eine Lesung in Düsseldorf hast, aber in Krefeld nicht? Eine Lesung über das Größte, das Unglaublichste, was im
Fußball in dieser Stadt je passiert ist. Das Unglaublichste, was dieser Stadt vielleicht überhaupt je passiert ist und kein verf…tschuldiggung….kein verdammter Buchladen will das veranstalten? Wir müssen schon wieder in dieses Kack-Düsseldorf  ausweichen? Hört das denn nie auf?

 
GERD MÜLLER
Nun, meine Agentur hat ja angefragt, aber offenbar bestand kein Interesse.

 
ALEXANDER BURBACH
Nein, so geht das nicht. So geht das nicht!!! Wann startet Deine Tour, wann ist Deine Lesung in diesem….Düsseldorf?

 
GERD MÜLLER
In 3 Tagen. Ich dachte, ich verbringe hier ein bißchen Zeit mit Euch, wo ich Euch so lange nicht gesehen habe, ich hatte das mit Kathrin besproch…

 
ALEXANDER BURBACH
Ja schon gut, Du bist natürlich herzlich eingeladen, so lange zu bleiben wie du willst. Wir haben ja eine Gästezimmer…aaaah, das Gästezimmer, da war doch noch was…egal. Aber wenn Du schon hier bist, hier in dieser Stadt, dann werden wir Dein Buch auch hier vorstellen!

 
GERD MÜLLER
Wir?

 

ALEXANDER BURBACH
Ja, wir. Ich werde Dein Veranstalter…für diese eine Mal. Ich bin zwar kein Buchhändler, aber ich bin Lehrer. Also arbeite ich an einer Schule? Und was hat jede Schule? Na?

 
GERD MÜLLER
Zuckt mit den Schultern

 
ALEXANDER BURBACH
Eine Aula. Eine Schul-Aula. Das ist der ideale Ort für Dein Buch. Gib mir zwei Tage und ich organisiere das. Das wird der Hammer!

 
GERD MÜLLER
Ich weiß nicht. Also, Dein Engagement in allen Ehren, aber das müsste ich erst mit meiner Agentur besprechen.

 
ALEXANDER BURBACH
Dann sag denen einfach, das ist so eine Art Vorpremiere…ein kleiner Aufgalopp..quasi vor heimischem Publikum, bevor deine Tour startet…ich war letztes Jahr in New York, am Broadway machen die das auch immer…

 
GERD MÜLLER
Am Broadway?

 
ALEXANDER BURBACH
Ja!

 
GERD MÜLLER
Das hier ist Krefeld!

 
ALEXANDER BURBACH
Ja, das stimmt. Hast du vollkommen recht. Krefeld ist nicht New York. Bin ich auch ganz froh drum, so kann man hier wenigstens noch die Miete zahlen. Aber Dein Buch, das gehört auch nicht an den Broadway, ich meine, was haben die Amis schon mit Fußball zu schaffen….nein, das gehört hierher, genau in diese Stadt und ich sag Dir, die Aula wird voll sein! Wenn wir ein bisschen mehr Zeit hätten, würde ich sogar sagen, wir gehen in die Grotenburg. Aber das braucht Vorlauf, hey, das machen wir am Ende Deiner Tour, dann kommst Du einfach noch mal her.

 
GERD MÜLLER
Du hast echt einen Knall!

 
ALEXANDER BURBACH
Hey, es geht um meinen Verein. Da darf man auch mal ein bisschen verrückt sein.

 

GERD MÜLLER
Schaut Alexander nachdenklich an…überlegt einen Moment lang…er hat eine Idee….
Gut, dann wir machen es. Ein Mal! Bei Dir in der Aula. Ich bekomme das schon mit meiner Agentur geregelt. Aber dann musst Du mir helfen.

 
ALEXANDER BURBACH
Ja, klar, ich übernehme die ganze Organisation, ich sorge dafür, dass das alles fluppt. Wir haben die ganze Nacht Zeit, das in Ruhe zu besprechen.

 
GERD MÜLLER
Exakt! Wenn ich es richtig verstanden habe, kommt Kathrin erst morgen nach Haus?

 
ALEXANDER BURBACH
Genau! Ich glaub, ich brauch jetzt erstmal noch einen Schnaps! Und soll ich uns Pizza machen?

Black

Copyright : Rüdiger Höfken

Bildnachweis:  ©  imago images/Kicker/Eissner

Das Wunder von der Grotenburg (4)

4. Szene: Gegenseitiges Abtasten
Noch im Black erklingt die Stimme von ZDF-Reporter Rolf Kramer

 
ROLF KRAMER
Und dieses Mal auf den kurzen Pfosten!!…Ist das denn die Möglichkeit? Das war wieder Wolfgang Funkel! Da hätte keiner was gemacht, wenn der Ball ein bißchen flacher gekommen wäre. Erstaunlich! Erstaunlich! Sie sehen, wie er steigt. Er kann den Ball nicht tief genug drücken!

Licht auf die Bühne. Gerd sitzt mittlerweile in einem Sessel. Sein Mantel liegt auf dem Sofa. Das Laptop auf dem Esstisch ist zugeklappt. Alexander kommmt gerade aus der Küche, wo er die Gläser und Flaschen hingebracht hat. Offensichtlich ist er jetzt im „Aufräummodus“.

GERD MÜLLER
Mach Dir wegen mir keine Umstände

 

ALEXANDER BURBACH
Glaub mir, es ist nicht wegen Dir.

 

GERD MÜLLER
Ich hätte auch in ein Hotel gehen können.

 
ALEXANDER BURBACH
Ich glaube nicht, dass Kathrin mir das verzeihen würde, selbst wenn ich Dich jetzt in den „Krefelder Hof“ schicken würden. Außerdem wird Du noch oft genug in Hotels sein in nächster Zeit, denke ich mal. Wie lange geht Deine Lesetour?

 
GERD MÜLLER
4 Wochen.

 
ALEXANDER BURBACH
4 Wochen!! Das ist ja richtig Rock’n Roll…4 Wochen on the Road…4 Wochen on stage, Groupies, Sex, Drugs and….

 
GERD MÜLLER
Ich lese zumeist in Buchhandlungen. Ich weiß nicht, ob Du schon mal in einer warst, aber Groupies, Sex und Drugs sind mir da noch nie begegnet und außerdem, ich bin Schriftsteller und Journalist, kein Rockstar!

 
ALEXANDER BURBACH
Na immerhin bist du sowas wie der Rockstar des Politbuches. „Sonnenuntergang in Sachsen“ war zwei Jahre lang in den Top Ten der SPIEGEL Sachbuch Bestseller Liste!
zieht das Buch aus dem Regal

 
GERD MÜLLER
Da bist du ja besser informiert als ich!

 
ALEXANDER BURBACH
Na hör mal, wenn man schon so eine Berühmtheit in der Familie hat…

 
GERD MÜLLER
Ach komm, hör schon auf!

 

ALEXANDER BURBACH
Nein, ehrlich, ich hab’s verschlungen. Ich wußte ja kaum was über die DDR. Das bißchen im Studium konntest Du vergessen. Und sonst eigentlich nur das, was Kathrin mir erzählt hat, aber das hier (klopft auf das Buch), das ist der Standard, das ist Basiswissen. Weißt Du noch, wie es Dein Kollege von der ZEIT genannt hat? „Die ultimative Zonenfibel“.

 
GERD MÜLLER
Ja! Was für ein Arschloch.

 
ALEXANDER BURBACH
Das ist nur der Neid auf meinen erfolgreichen Schwager! Jetzt wieder live auf Tour mit seinem neuesten Werk…..Wie heißt eigentlich Dein neues Buch?

 
GERD MÜLLER
„Der Tag, an dem die DDR unterging“.

 
ALEXANDER BURBACH
Hey, das klingt richtig dramatisch. So wie „Der Tag an dem die Welt unterging“, klassischer Hollywood-Katastrophen-Film von 1980 mit Paul Newman und William Holden, kennst Du den?

 
GERD MÜLLER
Wir hatten keine „klassischen Hollywood-Katastrophen-Filme“. Wir hatten die DEFA.
Da gab es Filme, wie „Verzeihung, sehen Sie Fußball?“, 1983 produziert, Regie: Gunther Scholz, das wäre was für Dich.

 
ALEXANDER BURBACH
Echt? Kenn ich gar nicht. Muss ich mir mal direkt mal notieren.
geht zum Esstisch, klappt das Laptop auf und fängt an zu tippen.

 
Und worum geht’s konkret in Deinem neuem Buch? Was war denn genau der Tag des Untergang des Arbeiter und Bauernstaates? Der 9. November 1989? Mauerfall?
(imitiert Günter Schabowski)
„Das tritt nach meiner Kenntnis….ist das sofort…unverzüglich…“
Oder 3. Oktober 1990 (imitiert Willy Brandt)
„Es wächst zusammen, was zusammen gehört“

 
GERD MÜLLER
Nein, mein Buch setzt ein bißchen früher ein. Am 19. März 1986, um genau zu sein….

 

ALEXANDER BURBACH
19. März 1986? Was war denn da so Wich…..Moment, das Datum kenne ich doch..(tippt kurz auf der Tastatur des Laptops)…ja klar…das isses…19 März 1986…Viertelfinalrückspiel im Europapokal der Pokalsieger…Bayer Uerdingen – Dynamo Dresden 7:3!
Das Wunder von der Grotenburg!!!!…Du hast ein Fußballbuch geschrieben?

 
GERD MÜLLER
Nun, nicht ganz! Aber ja, es geht natürlich auch um Fußball…und was das Ganze ausgelöst hat…

 
ALEXANDER BURBACH
hat gar nicht zugehört
Ich glaub’s nicht! Mein Schwager schreibt ein Fußballbuch. Das musste ja mal passieren bei Deinem Namen. Ich meine: Wer schon „Gerd Müller“ heißt, der muss entweder verdammt gut Fußball spielen, aber das gehörte wohl nie zu Deinen Kernkompetenzen, wie Kathrin mir erzählt hat…oder wenn nicht, gut dann schreibt er halt über Fußball. Warum hast Du mir denn nichts gesagt. Bayer Uerdingen! Das ist mein Verein.
Ich war live bei dem Spiel dabei. Ich bin in Uerdingen geboren. Uerdingen!!! Meine Seele, mein Herz, mein Leben, mein Verein. Im meinen Adern fließt blaurotes Blut!! Blau und Rot, Deine Farben, KFCeeeee!!!…Ööööööödingen….!!

 
GERD MÜLLER
Lacht
Ja, komm mal wieder runter. Ich habe hier was für Dich.
Öffnet die Seitentasche seines Koffers, der immer noch neben dem Sofa steht und holt ein Buch heraus.
Hier!

 
ALEXANDER BURBACH
Echt jetzt?

 
GERD MÜLLER
Na, nimm’s schon. Du bist wahrscheinlich der erste, das Buch kommt erst morgen in den Handel!

 
ALEXANDER BURBACH
Für einen Moment sprachlos, liest dann noch einmal den Titel…
„Der Tag, an dem die DDR unterging“….Wahnsinn! Das waren wir? Ich meine, wir haben doch nur 7 Tore geschossen, das war ein Fußballspiel….

 

GERD MÜLLER
Es war wohl ein bißchen mehr…

 
Pause
ALEXANDER BURBACH
Das müssen wir jetzt mal genauer besprechen. Aber ich hole uns erstmal was zum Trinken.

 
Geht in Küche, spricht aus dem Off
Ich glaube, ich brauche jetzt was Stärkeres

Kommt wieder ins Wohnzimmer, mit einer Flascheund zwei Schnapsgläsern in der Hand
Wie wäre es mit einem „Uerdinger“?

 

Black

Copyright: Rüdiger Höfken

Bildnachweis: Deutsche Fußballmuseum

 

 

 

 

Das Wunder von der Grotenburg (3)

1. HALBZEIT

3. Szene: Ausgleich

Noch im Black erklingt die Stimme von ZDF-Reporter Rolf Kramer

 

ROLF KRAMER
Einer der beiden Funkelbrüder am Torwart…Und das Tooor!…Wolfgang Funkel!!! Auch er trägt die Nummer 4! Auch das ein Kopfballtor nach 13 Minuten! Einer der besten Kopfballspieler der Bundesliga! …Hier kommt die Ecke..zuerst zu flach…der zweite Versuch….Er kann enooorm hoch steigen, bleibt lange in der Luft…fast wie ein Handballspieler…Der Ausgleich! Ganz klar, das gibt Stimmung, das gibt Auftrieb, aber es bleibt dabei…1:1…sie müssen immer noch drei Tore schießen….

 
Licht auf die Bühne. Alexander sitzt noch am Esstisch, die Skype-Verbindung steht noch. Zum Laptop gewandt:

 
ALEXANDER BURBACH
Kein Stau!….Wäre ja auch zu schön gewesen!

 
KATHRIN BURBACH
Ach komm, mach schon auf, dann ich kann ich Gerd noch schnell „Hallo“ sagen, muss gleich mit dem Taxi ins Hotel.

 
ALEXANDER BURBACH
Ehrerbietigste Herrscherin, Dein Wunsch sei mir Befehl.

 
Alexander eilt durch die linke Tür in die Diele. Den folgenden Dialog hört man auf dem Off

 
ALEXANDER BURBACH
Gerd!! Das ist aber eine Überraschung!

 
GERD MÜLLER
Alexander!

 
ALEXANDER BURBACH
Alex reicht völlig! Zu viele Silben verwirren mich immer!

 

GERD MÜLLER
Immer noch der alte Sprücheklopfer!(lacht), komm her,  lass Dich drücken. (Offensichtlich umarmen sich die Männer in der Diele, man hört, wie man sich
gegenseitig auf den Rücken klopft). Tut mir leid, dass ich so Euch überfalle, habe mich glatt um einen Tag vertan. Aber Ihr habt meine Nachricht doch noch erhalten? Das war meine erste SMS seit mehr als 12 Monaten. Ist Kathrin da?

 
ALEXANDER BURBACH
Ja sicher, im Wohnzimmer. Komm rein!

Die beiden Männer treten durch die linke Tür ins Wohnzimmmer. Gerd hat einen großen Rollkoffer in der Hand.

 
GERD MÜLLER
Hallo Schwesterherz……
Sieht sich ratlos im Raum um, sein Blick geht fragend zu Alexander

 
KATHRIN BURBACH
Brüderchen, komm her! Lass Dich anschauen!
Gerd ist für einen Moment verwirrt und irritiert, woher die Stimme seiner Schwester
kommt. Alexander deutet mit einem Kopfnicken zum Esstisch hin. Gerd läßt sich auf dem Stuhl vor dem Laptop nieder und guckt mit großen Augen auf den Bildschirm.

 
GERD MÜLLER
Schwesterherz, was machst Du denn da drin?

 
ALEXANDER BURBACH
beugt sich über Gerds rechte Schulter und schaut ebenfalls auf den Bildschirm
Das da drin ist Budapest!

 
GERD MÜLLER
Budapest?

 
ALEXANDER BURBACH
zu seiner Frau gewandt
Dein Bruder ist wirklich eine Neandertaler, was elektronische Kommunikation angeht.

 
KATHRIN BURBACH
Brüderchen, ich sag’ Dir schon seit Jahren, Du sollst Dir ein Skype-Account anschaffen.

 

GERD MÜLLER
Skype? So viel Fußball gucke ich auch nicht.
Kathrin lacht laut. Alexander wendet sich stöhnend ab.

 
KATHRIN BURBACH
Das klären wir, wenn ich morgen wieder da bin. Alex kann Dir alles erzählen. Ich muss noch eine Nacht in Budapest bleiben. Ihr beide kommt bestimmt auch ohne mich prächtig zurecht. Aber stellt mir die Wohnung nicht auf den Kopf!
Alexander versucht unauffällig, ein paar Gläser und Flaschen wegzuräumen.
Ach, und Spatzl?

 
ALEXANDER BURBACH
erscheint wieder vor dem Schirm, hält dabei aber die leeren Gläsern und Flaschen hinter dem Rücken versteckt.
Ja?

 
KATHRIN BURBACH
Vergiß das mit der Einkaufsliste. Im Gefrierschrank ist noch Pizza. Macht Euch heute abend mal eine richtig schöne „Männerwirtschaft“

 
GERD MÜLLER
Männerwirtschaft?

 
ALEXANDER BURBACH
Ist eine alten US-Serie aus den 70er, mit Tony Randall und Jack Klugman. Glaube nicht, dass die in der DDR gesendet wurde. Kannst Du Dir heute aber alles auf Youtube anschauen.

 
GERD MÜLLER
Jutub?

 
ALEXANDER BURBACH
Oh Gott!

 

Black

 

 

 

 

Copyright Text: Rüdiger Höfken, Krefeld

Fotonachweis: DFB