Das Wunder von der Grotenburg (19)

Halbzeit 2, 7.Szene; „Ist das die
Entscheidung?“


Noch im Black erklingt die Stimme von Rolf Kramer
ROLF KRAMER
Es gibt jetzt kaum noch ein Mittelfeldspiel…da wird nur ermahnt….


Licht auf die Bühne, die Szene schließt gleich an, die Übertragung läuft weiter…

GERD MÜLLER
Da guck,schon wieder…der Funkel stoppt den Ball mit der Hand und bekommt nicht mal Gelb!


Die Übertragung läuft weiter, man hört die Geräusche aus der Grotenburg


ROLF KRAMER
Ecke!!…und wieder war es Vollack…mit den Beinen gerettet…scheint einen Krampf zu haben…Kalli Feldkamp…geschafft…morgen muss er zum
Zahnarzt…wenn seine Mannschaft weiterkommt, was zählt das dann..

KATHRIN BURBACH
Was der Rolf Kramer alle so weiß…


ALEXANDER BURBACH
Oh….Achtung!!


ROLF KRAMER
Aufpassen!!!


ALEXANDER BURBACH
Boooh! Vollack! Wahnsinn!


ROLF KRAMER

Super, Super!. Ich weiß, das sind nur Schlagworte..aber was soll man dazu sagen…die Wiederholung kann nicht kommen, da die Ecke schon ausgeführt wird, das Spiel ist jetzt zu schnell..Dresden muss jetzt Sekunden schinden…Ein
Riesentorwart…das gibt natürlich die Hoffnung, dass Uerdingen, jetzt stark unter Druck, diesen Vorsprung halten kann…Schäfer…ist das die Entscheidung..Funkel geht mit…Schäfer allein…und das ist sie….


Man hört nur noch Jubel, Alexander springt auf…

ALEXANDER BURBACH
Jaaaaaaa! Schäfer!!!! Du Fußballgott!! De Kap!! Hast du das gesehen? Solo über das ganze Feld…der ist um sein Leben gerannt….


ROLF KRAMER
7:3!


Gerd drückt auf die Fernbedienung. Die
Übertragung stoppt abrupt.

ALEXANDER BURBACH
Heeeh! Das Spiel ist noch nicht aus!


GERD MÜLLER
Doch! Im Prinzip schon. Da kommt nichts mehr. Das war der Genickbruch für uns.


KATHRIN BURBACH
Och komm, noch wenigstens der Abpfiff. Gehört doch irgendwie dazu.

GERD MÜLLER
Seufzt, dann zu Alex
Na gut, weil Du es bist, Alex. Damit das Bild rund wird. Gehen wir mal in die Schlußphase.
Drückt auf den Vorlauf der Fernbedienung, dann wieder auf Start. In der Folge hören alle drei den Worten Rolf Kramers schweigend zu.

ROLF KRAMER
Das ist ein Spiel, aus dem Europapokallegenden gestrickt und gewoben werden, liebe Zuschauer. Als ich den Kalli Feldkamp vorhin sah, er hat einmal in
Lautern Real Madrid als Trainer besiegt, 5:0. Auch wir haben damals im ZDF übertragen…schon das war ein Spiel, wie es nur alle Jubeljahre mal läuft…aber das heute hier, in der Torfolge..in der Dramatik…da fehlen eigentlich die Vokabeln…man ist leicht versucht hier, in abgedroschenen
Superlativen zu schwelgen….Sie habens miterlebt…man sollte nicht vergessen zu sagen, Kompliment an Dresden… die Mannschaft blieb fair…sie ist jetzt stehend k.o., greift kaum noch an…das sind sogar noch – wenn der Loontiens ein bißchen besser gespurt hätte- dicke Chancen drin. 2 1/2 Minuten noch…ich kann mich erinnern, ein Spiel übertragen zu haben in dieser Torfolge…Sevilla
damals gegen die Franzosen, das war dramatisch…Elfmeterschießen….76..bei der Europameisterschaft in Belgrad, da lag die deutsche Mannschaft gegen Jugoslawien 0:2 zurück..gewann dann in der Verlängerung 4:2…


ALEXANDER BURBACH
Oohh, Schääfer!


ROLF KRAMER
Innen sind viele, viele frei…aber was solls? Das Spiel ist gelaufen…Prognosen haben sich heute hier oft überholt, aber das ist keine mehr, das ist ein
Feststellung…es wird gleich nach Spielschluß, ich nehme an, wir müssen da ein bißchen -ich bitte um Verständnis- da es bei uns und in der DDR live
übertragen wird, meine Damen und Herren, ein bißchen doppelgleisig denken..nach einer kurze Zäsur…ich nehme an, dass die Kollegen der DDR dann aussteigen aus der Liveübertragung..bei uns noch das ein oder andere Interview geben..unten am Platz…mein Kollege Rolf Töpperwien ist unten..ich nehme an, er wird keine Schwierigkeiten haben, Partner zu finden…ich kündige das an, weil wir dann…nach 20 ..30 Sekunden sehr zügig runtergeben werden….7:3….wenn man es nicht erlebt hat…nicht zu glauben….da werden es
selbst die Bayern schwer haben heute Abend…im nächsten Spiel einen drauzusetzen… Ich weiß nicht und ich will es Ihnen auch nicht sagen, wie dieses
Spiel ausgegangen ist….es ist der Abend von Bayer Uerdingen…kein Abseits…Rudi Bommer..sie können fast mit dem Ball ins Tor…aber er schießt…


KATHRIN BURBACH
Uii, fast noch das 8:3

ROLF KRAMER
Die nächste Runde…wer kommt? Man kann schon darüber nachdenken…Benfica Lissabon…Kiew..eine weitere Dynamo Mannschaft…und die Sprechchöre…zum ersten Mal im Europapokal..den Malta-Vertreter -das war ein Spaziergang- ausgeschaltet…die Mannschaft von Jupp Derwall, das machte schon ein bißchen mehr Mühe..


ALEXANDER BURBACH
springt auf und schreit über den Kommentar von Rolf Kramer

Abpfiiiiiiffff! Jaaaaaaa!!!!


ROLF KRAMER
Galatasary…in Dresden 0:2 verloren…hier 0:1 und 1:3 zurück…anscheinend scheinbar geschlagen, dann aus der Kabine kommend..und dann diese Tore…ich
will die Torschützen nicht aufführen, ich hab sie auch nicht im Kopf…
Alexander schnappt sich die Fernbedienung, stoppt die Übertragung und ruft Richtung Fernseher


ALEXANDER BURBACH
Minge
Wooooolfgang Fuuuuunkel
Lippmann
Ruuuudi Bommer Eigentor!!!
Woooolfgang Fuunnnnkel
Minge Eigentor!!!
Wooooolfgang Schääääfer ….
Dietmar Kliiiiiinger
Und Zum Dritten: Wooooooolfgang Fuuuuuunkel
Und noch einmal : Wooooolfgang Schääääfer ….die
Kap!!!! Jawoll!!!
Abpfiff!!!


Black

Copyright: Rüdiger Höfken, Krefeld

Fotonachweis: NWZ Online

Das Wunder von der Grotenburg (18)

Halbzeit 2, Szene 6: „Kopfschütteln bei den Kollegen“


Noch im Black erklingt die Stimme von Rolf Kramer


ROLF KRAMER
Kopfschütteln hier bei den Kollegen…ich schau herüber…das sind natürlich auch bittere Minuten für die Kollegen vom DDR Fernsehen…wie bitter waren für
uns in der ersten Hälfte….Abseits…..Abseits…

Licht auf die Bühne. Offensichtlich wurde die Übertragung angehalten. Alexander „tigert“ durch das Zimmer, während die anderen beiden sitzen.


ALEXANDER BURBACH
Waaaaahnsinn. Habt Ihr das gesehen, das waren genau 33 Sekunden nach dem 5:3, dann hatten wir den Ball wieder. Zack! Ich hab’s gestoppt. 33 Sekunden!!! Und dann noch mal 33 Sekunden bis zum Elfmeter…sowas habe ich noch nie gesehen…


GERD MÜLLER
In der Tat, man kann hier wohl von einen Ausnahmezustand sprechen. War aber auch wirklich nicht gut gemacht von Dynamo, den Anstoß so schnell
auszuführen, da hätte man mindestens noch eine halbe Minute schinden können..aber dafür waren sie einfach nicht clever genug.


ALEXANDER BURBACH
Ach, das hätte doch auch nichts mehr genutzt, wir haben die überrollt, hast du das gesehen, das war wie ein Panzer…einfach drüber….und noch was: Mecker
noch einmal über den Schiedsrichter…das war Hand auf der Linie von Dörner…das war eigentlich glatt Rot….aber der hat ja noch nicht mal Gelb gezückt….


KATHRIN BURBACH
Aber das Spiel ist doch noch gar nicht zu Ende. „Noch 9 Minuten“ hat Rolf Kramer gesagt…

ALEXANDER BURBACH
Genau! Da passiert doch auch noch was…


GERD MÜLLER
mit der Fernbedienung in der Hand
Ja, gleich. Aber lass uns doch noch einen Augenblick bei diesem Moment verweilen, Wo sonst hat man die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten?
Zeigt auf die Fernbedienung in seiner Hand
Ich glaube, in diesem Moment, ich meine, als das 6:3 fiel, als Wolfgang Funkel seinen zweiten Elfmeter verwandelte, jener Funkel übrigens, der dafür gesorgt
hatte, dass wir die 2. Halbzeit und auch danach für immer auf „Jaku“, unseren Stammtorhüter verzichten mussten…in diesem Moment war das Spiel
entschieden…auch wenn noch 9 Minuten zu spielen waren…Hast du die Spieler gesehen….die Bank… die waren tot…und ich kann mir gut vorstellen, dass
sich der ein der andere im Ministerium für Staatsicherheit in Ostberlin auch gerade in die Hose machte, wenn er daran dachte, dass er am nächten
Morgen bei Mielke antanzen durfte…

KATHRIN BURBACH
Was hatte den Stasi-Erich damit zu tun?


GERD MÜLLER
Ich habe das Deinem Mann schon erzählt, das Erreichen des Europapokal-Halbfinales war bei uns ein staatspolitisches Ziel, festgehalten in den
Stasi-Akten, wo ich es später selbst gelesen habe im Zuge der Recherchen für mein Buch. Und dass mit Ramme da in der 2. Halbzeit ein völlig unerfahrener Torwart zwischen den Pfosten stand, hatten wir letztendlich
der Staatsicherheit zu verdanken…


ALEXANDER BURBACH
Ach, jetzt doch nicht Wolfgang Funkel?


GERD MÜLLER
Schon mal was von Jörg Klimpel gehört?


ALEXANDER BURBACH
Nö, sollte ich?


GERD MÜLLER
Guter Torhüter! War seit 81 der zweite Mann hinter Jaku. Hat seine Sache immer ordentlich gemacht. In der Saison 82/83 hat er aufgrund einer langwierigen
Verletzung von Jaku ihn sogar mal 16 Mal hintereinander vertreten inklusive internationalen Einsätzen im Europapokal. Man kann also sagen, der Mann hatte Erfahrung.


KATHRIN BURBACH
Und wieso kam er in der Grotenburg nicht zum Einsatz?


GERD MÜLLER
Weil 85 Schluß war für ihn bei Dynamo. Und das war keine Idee von Trainer Klaus Sammer, der hatte da gar nichts mitzureden. Im Gegenteil, der war stinksauer.


ALEXANDER BURBACH

Was ist denn mit…wie hieß er… Jörg Kl…?


GERD MÜLLER
Klimpel!


ALEXANDER BURBACH
Klimpel! Was ist denn mit Jörg Klimpel passiert?


GERD MÜLLER
Nun, dazu muss man wissen, Klimpel war nicht nur Obermeister der Volkspolizei, bevor er sich ausschließlich dem Fußball widmen konnte, er war -wie sich später rausstellte- auch seit 1980 IM des MfS.


ALEXANDER BURBACH
Inoffzieller Mitarbeiter der Stasi? Ja….und? Das ware damals doch wahrscheinlich sehr viele.

GERD MÜLLER
Ja sehr viele. Auch sehr viele aktive Fußballer. Das kam aber alles erst nach der Wende raus. Torsten Gütschow – das war der Spieler, der für Matthias
Sammer in der 28 Minute eingewechselt in der Grotenburg – war zum Beispiel einer von denen. Und nicht nur das, er war der erste aktive Fußballer, der
1992 als ehemaliger IM der Staatsicherheit aufflog. Journalisten der „Dresdner Morgenpost“ hatten das recherchiert. Gütschow wurde daraufhin öffentlich
geteert und gefedert, die Empörung war riesig. Ich glaube, heute sagt man dazu „Shitstorm“, richtig?


ALEXANDER BURBACH
Korrekt!


GERD MÜLLER
Keiner interessierte sich dafür, warum er überhaupt zum IM geworden war. Dass er faktisch von der „Firma“ zur „Zusammenarbeit“ erpresst wurde, mit gerade mal 19 Jahren. Weil man seine Freundin als „politisch unzuverlässig“ einstufte, weil er selbst Angst hatte, dass seine -noch junge- Karriere als Fußballer zerstört würde, bevor sie richtig anfing…all das spielte keine Rolle…besonders nicht bei den selbstgerecht empörten Besserwessis…


KATHRIN BURBACH
Woher sollten sie das auch wissen? Ich meine, als ich 86 zum ersten Mal mit….
Gerd schaut Kathrin an, Kathrin bricht ihren Satz ab, Alexander übernimmt, wieder weiß man nicht genau, ob er die Spannungen zwischen den Geschwistern spürt oder ob er einfach das Gespräch fortführen will…


ALEXANDER BURCHACH
Und was hat das jetzt mit Jörg Kimpel…


GERD MÜLLER
Klimpel!


ALEXANDER BURBACH
…Jörg Klimpel zu tun?


GERD MÜLLER
Wie gesagt, er war zum damaligen Zeitpunkt auch schon seit 1980 IM, ob gezwungen oder aus freien Stücken, weiß ich nicht. Aber er war ja nicht der
einzige. Allein in Dynamos Startelf damals in der Grotenburg standen 3 IM, wie sich später herausstellte, darunter auch der von allen so hochgeschätze Ulf Kirsten. Er hatte wohl das Glück, nicht als einer der ersten enthüllt zu werden wie Gütschow. Zu dem Zeitpunkt hatte man sich schon daran gewöhnt, dass anscheinend Gott und die Welt für die Stasi gearbeitet hat. Aber Jörg Klimpel wurde seine Tätigkeit als IM noch zu DDR-Zeiten zum Verhängnis.


KATHRIN BURBACH
Inwiefern?


GERD MÜLLER
Nun, Schwesterherz, vielleicht erinnerst Du dich ja noch, was neben „Republikflucht“ zu den ärgsten Vergehen in unserem sozialistischen Arbeiter- und Bauerstaat galt?


KATHRIN BURBACH
Unerlaubter Westkontakt?


GERD MÜLLER
Exakt. Na, ein bißchen Heimatwissen ist dir wohl noch erhalten geblieben. Jörg Klimpel jedenfalls hatte sich im Sommer 85 in der CSSR unerlaubt mit einer
Familie getroffen, die in den Westen ausgereist war. Der MFS bekam Wind davon und
Klatscht in die Hände
das war’s mit der Torwartkarriere beim großen Dynamo Dresden. Sie haben dafür gesorgt, dass Klimpel quasi „über Nacht“ bei Dresden aus dem Kader verschwand und in die zweiklassige DDR-Liga zum BSG Fortschritt
Bischofswerda abgeschoben wurde, ohne dass Klaus Sammer auch nur im Geringsten in diese Entscheidung einbezogen wurde…was für ein Treppenwitz der Geschichte…


ALEXANDER BURBACH
…Du meinst, die Tatsache, dass in der 2. Halbzeit in der Grotenburg im Dresdner Tor ein völlig unerfahrener Torhüter stand, haben wir…


GERD MÜLLER
Lacht
…der Stasi zu verdanken…genau. Ist das nicht köstlich? Das System hat sich selbst besiegt…Ich würde ja sagen, bedank Dich bei Erich Mielke persönlich, wenn man ihn nicht schon 2000 in Meißen eingeäschert hätte…


ALEXANDER BURBACH
Hammer! Da sag’ noch jemand, Sport hätte nichts mit Politik zu tun….

GERD MÜLLER
Ich denke, spätestens an diesem Punkt war so manchem Mächtigen in Ostberlin klar, dass da etwas falsch lief, auch wenn man es sich natürlich eingestehen
wollte. Aber ich glaube, dieses Spiel führte zu einem Haarriss im System, ein Riss, der in kommenden 3 Jahren immer größer werden sollte…

KATHRIN BURBACH
Damals hat man dann aber wahrscheinlich in bewährter Weise die Schuld bei anderen gesucht, denke ich?


GERD MÜLLER
Und ob! Es wurden ganz schnell große Verschwörungstheorien aufgestellt, insbesondere in Bezug auf den ungarischen Schiedsrichter, das konnte
ich sogar nachvollziehen, so wie der die letzte halbe Stunde gepfiffen hat, ich hab’s Dir ja schon gezeigt…aber ganz ehrlich, heute denke ich, da war
nichts dran…er hat einfach schlecht gepfiffen, vielleicht hat er sich von der Atmosphäre einschüchtern lassen, aber bezahlt vom Westen…das
glaube ich nicht.


ALEXANDER BURBACH
Wahrscheinlich gibt es auch heute noch Leute, die das anders sehen?


GERD MÜLLER
Oh ja. Als 2016 das Spiel seinen 30. Geburtstag feierte, gab es auch bei uns in Dresden ein großes Pressecho in den Lokalzeitungen und dann kamen da
Leserbriefe….oh ich sag mal…die waren nicht von schlechten Eltern…
Blättert in seinem Buch
Hier habe ich ein paar zitiert:
„Im Osten ist es so ziemlich als das größte Beschissspiel in der Fußballgeschichte bekannt. DDR Mannschaften galten generell ja immer als sehr auswärtsschwach im Europapokal, gerade bei Spielen im Westen, wo Korruption und Käuflichkeit zum guten Ton gehörten. Ja, man kann sagen, dass der Wessi an sich die Korruption schon mit der Muttermilch implementiert bekommt.“


ALEXANDER BURBACH
Was???


GERD MÜLLER
Es kommt noch besser. Hier eine andere Leserzuschrift, das war an die Dresdner Nachrichten: „Es war nur ein Fußballspiel, doch der Gedanke daran
löst heute noch bei vielen in der Region Gefühle wie Rache und Haß auf die BRD aus. Nach demselben „Uerdingen-Prinzip“ haben skrupellose westdeutsche
Geschäftemacher in den 90er den Osten restlos ausgeplündert. Kein Wunder, dass es daher heute so viele Menschen im Osten gibt, die die BRD unbedingt
von innen zersetzen wollen, und dann wird einem auch klar, woher die Erfolge für die AFD kommen.“

ALEXANDER BURBACH
Jetzt hör aber auf! Das Uerdingen-Prinzip?? Was soll das denn sein? Wir haben einfach ein paar Tore…ok, eine ganze Menge Tore in relativ kurzer Zeit
geschossen…das war alles…wir haben niemanden bestochen…und auch niemanden ausgeplündert, wie das -zugegebenermaßen- die Treuhand ein paar Jahre später gemacht…Du erzählst mir gleich noch, ohne das 7:3
hätte es die AFD nie gegeben….


GERD MÜLLER
Zuckt mit den Schultern
Na, so weit würde ich nicht gehen, aber dieses Spiel und alles was danach geschah, hat sich tief in die DNA von Ostdeutschland eingegraben…und wohin das führte, siehst du ja an solchen Aussagen.
Klopft auf sein Buch


ALEXANDER BURBACH
Puh…ich glaube, ich würde jetzt gerne das Spiel zu Ende gucken.


GERD MÜLLER
Drückt auf die Fernbedienung
Aber sicher!


Black

Copyright: Rüdiger Höfken, Krefeld

Bildnachweis: welt.de

Das Wunder von der Grotenburg (17)

Halbzeit 2, Szene: 5 „Es sind noch gut 15 Minuten“

Noch im Black erklingt die Stimme von Rolf Kramer


ROLF KRAMER
Es sind noch gut 15 Minuten! 4:3 der Spielstand…nach einem 1:3 Rückstand zur Pause…Es sei noch einmal gesagt, für die, die im Europacup, in der Artithmetik nicht so zu Haus sind..ein 6:3 würde Uerdingen reichen…


Licht auf die Bühne, die Szene schließt direkt an die Reportage von Rolf Kramer an, Kathrin, Gerd und Alexander sitzen wieder auf ihren Plätzen und schauen auf den Fernseher.


GERD MÜLLER
Übles Foul!


ALEXANDER BURBACH
Na ja…


ROLF KRAMER
Es sind Szenen, die sich wiederholen…ich hab sie vorhin beschrieben, es ist verständlich, wenn man die Grundsituation kennt – Pilz liegt da am Boden, der
junge Mann – die Uerdinger wollen mit aller Macht nach vorn..die Dresdner versuchen natürlich, das Spiel zu halten, das Tempo rauszunehmen, die

KATHRIN BURBACH
Jetzt legt der Sanitäter ihm auch noch eine Decke drüber, das ist aber lieb…


ROLF KRAMER
Die Geste des Schiedsrichter ist eindeutig: Wenn gepflegt wird, bitte, an der Seitenlinie..

ALEXANDER BURBACH
Da…der steht doch schon wieder…guck mal, wie der läuft, das was gar nichts….Schauuuuuspieler!!!


ROLF KRAMER
Klinger….Herget….Keine Abseitposition…


GERD MÜLLER
Foul!!! Schon wieder…die sind ja nur noch am Holzen!


ROLF KRAMER
Gelb! Ganz klar!

ALEXANDER BURBACH
Und schon wieder Spielverzögerung…


KATHRIN BURBACH
Wieso hält man die Zeit nicht einfach an..wie beim Eishockey oder Handball…?

ALEXANDER BURBACH
Weil….weil….ach jetzt komm doch nicht mit solchen hochphilosophischen Fragen….das ist….das ist Fußball..


KATHRIN BURBACH
Ah ja…


ROLF KRAMER
Es ist die letzte Möglichkeit, Sie haben es gesehen..als der Ball plötzlich in die Spitze kam..man muss das nicht groß kommentieren.. es tut weh..ganz klar..aber es ist nun mal so..im Fußball…soll man den Mann ziehen lassen…soll man die Notbremse ziehen. Dörner ist der Mann für solche Sachen…Vollack…aufpassen…


GERD MÜLLER
Oh, schwacher Freistoß…da muss er mehr draus machen…der Dixie..


ROLF KRAMER
Da haben wir ihn…er hatte damals die Gelbsucht, beim berühmten Spiel bei der Weltmeisterschaft 74 in Hamburg…Bundesrepublik Deutschland – DDR 0:1…das
Sparwassertor…war nicht dabei…


ALEXANDER BURBACH
Komm…weiter…ja…


ROLF KRAMER
Klug gespielt….aber…die Beine sind schwer geworden…


ALEXANDER BURCHACH
Ecke für uns!!


KATHRIN BURBACH
Schaut Euch mal an, wie fix die Balljungen geworden sind…


ALEXANDER BURBACH
Gehört alles dazu…


ROLF KRAMER
Die wievielte Ecke ist das denn, Bela Rethy hat eine
Strichliste…die fünfzehnte…

KATHRIN BURBACH
Bela Rethy war der Assi von Rolf Kramer?


ALEXANDER BURBACH
Jeder hat mal klein angefangen…


GERD MÜLLER
Bei ihm wärs besser gewesen, er wäre gar nicht erst größer geworden…


ALEXANDER BURBACH
Aaachtung, Ecke kommt…hooww…


GERD MÜLLER
Oh, den muss der Ramme doch haben…jetzt raus damit…und zack, wieder Foul der Uerdinger…ist das ein Getrete…


ROLF KRAMER
Auch dieser Einsatz von Loontiens…übereifrig…nicht korrekt…gespielt im Durchgang gleich 33 Minuten…


ALEXANDER BURBACH
Ja, da haben wir den Ball schon wieder….


ROLF KRAMER
Klinger…immer noch Klinger…was für ein Tor!!! Was für ein Tor!!!


Alexander springt auf, kniet dann vor dem Fernseher, ballt die Fäuste…

ALEXANDER BURBACH
Jaaaaaaaaa! Wahnsinn!


Bleibt bei der folgenden Szene bis zum nächsten Tor vor dem Fernseher knieend. Keiner der drei spricht innerhalb der nächsten Minute, man hört
nur Rolf Kramer


ROLF KRAMER
Das lange, lange Solo..er hat noch Kraft…und dann achten Sie mal drauf…mit Gefühl..mit der Innenseite…Klasse gemacht…da haben wir ihn! 5:3! Noch 12 Minuten ..unglaublich…ein verrücktes Spiel…es schien gelaufen..wer hat daran noch gedacht…es steht jetzt auf der Kippe..Elfmeter!!! Gibt’s denn das? Gibt’s denn das?..Die Dresdner protestieren…Kalli Feldkamp…er wird Anweisungen
geben, wer schießen soll…Handspiel…Unsere Regie wird kühlen Kopf behalten…weiß nicht, können wir Szene noch einmal einspielen..es war klar, es wird
nicht protestiert…zwei Mal hat er getroffen…mit dem Kopf…mit einem Elfmeter….Wolfgang Funkel…der lange Anlauf…..

Über den Fernseher ist der frenetische Jubel im Stadion zu hören. Alexander, der vor dem Fernseher knieend gekauert hatte, streckt sich jetzt lang auf den Boden, reißt die Hände die in Luft. Kathrin und Gerd schauen ihm amüsiert zu.


ALEXANDER BURBACH
Jaaaaaa…..Jaaaaaa….


Springt auf, umarmt und küßt Kathrin, täschelt Gerd die Schulter. Kathrin schaut an Alexander vorbei weiter auf den Bildschirm…


KATHRIN BURBACH
Guck mal, der Funkel heult….


ALEXANDER BURBACH
Vor Freude…vor Freude…ich heul auch gleich!!!!


Währenddessen hört man unablässig den Jubel im Stadion aus dem Fernseher. Rolf Kramer bleibt eine ganze Zeit lang still, dann


ROLF KRAMER
Liebe Zuschauer, es gibt Situationen im Fußball…dass Spiele an einem Punkt gekommen sind, wie jetzt…dann sprechen die Bilder -wie man so
schön und so treffend sagt- für sich..dann muss man nichts mehr kommentieren…1:3 und 6:3…da scheinen die alten Märchen wahr zu sein, dass Dresden auswärts nicht stehen kann..aber, wenn man 3:1 führt, mit diesen exzellenten Spielern….aber noch ist nichts entschieden hier..zwar ist Uerdingen jetzt eine Runde weiter…aber noch sind 9 Minuten zu spielen…und ich bin sicher, die Szenerie wird sich noch einmal verändern…die Schwarzgelben müssen kommen…sie werden kommen…die Uerdinger werden sich aufs
Kontern verlegen können…und es ist die Frage, wer mit der neuen Rolle jetzt am besten fertig wird…6:3, ich muss hinüberschauen zu der kleinen
Anzeigetafel…es stimmt wirklich…

Black

Copyright: Rüdiger Höfken, Krefeld

Fotonachweis: MDR

Das Wunder von der Grotenburg (16)

Halbzeit 2, Szene 4: „Alles oder Nichts“

Noch im Black erklingt die Stimme von Rolf Kramer


ROLF KRAMER
Man kann das nur in der Totalen sehen: Alles oder Nichts! Herget geht jetzt sogar nach vorn..Vollack an der Mittellinie …und Funkel!! …..da kommt der
Torhüter….er muss zurück…und zwar ganz schnell jetzt…


Licht auf die Bühne. Gerd sitzt alleine im Raum, Alexander kommt von der Toilette wieder zurück ins Wohnzimmer…


ALEXANDER BURBACH
Wo ist Kathrin?

GERD MÜLLER
In der Küche, macht noch mehr Kaffee. Meint, den könnten wir jetzt brauchen…Und ein paar „Schnittchen“…wie sie sagt…“Schnittchen“…sie ist wirklich mittlerweile eine halbe Rheinländerin, was?


ALEXANDER BURBACH
Mindestens! Was macht das Spiel?


GERD MÜLLER
Ich habe mir erlaubt, ein bißchen weiterzugucken. Kein Angst, Du hast nichts verpaßt, keine weiteren Tore, aber schau Dir das mal an.

Drückt auf die Fernbedienung. Jetzt läuft dasSpiel wieder und man hört Rolf Kramer


ROLF KRAMER
……da kommt der Torhüter….er muss zurück…und zwar ganz schnell jetzt..Abseits….Abseits…


GERD MÜLLER
Hast Du das gesehen?


ALEXANDER BURCHACH
Was?

GERD MÜLLER
Eben. Da war nichts. Gar nichts.


Drückt auf die Fernbedienung und hält die Übertragung an.


Hier, ich gehe noch mal ein Stück zurück.


Drückt auf die Fernbedienung, die Übertragung läuft wieder.

ROLF KRAMER
Er muss zurück….und zwar ganz schnell jetzt…


Gerd hält die Übertragung wieder an.


GERD MÜLLER
ist jetzt voll „im Spiel“
Da, siehst Du, der Lippmann, ausgerechnet der Lippmann spielt den Ball auf Gütschow in der Mitte, Torsten Gütschow mit der 15, der ist ja für den
jungen Sammer schon der ersten Halbzeit reingekommen, weil der sich verletzt hat….so guck, das ist genau der Moment der Ballabgabe…der Gütschow wäre
durch…allein vorm Torwart… die beiden Uerdinger stehen viel zu weit weg und vor allem…


ALEXANDER BURBACH
…stehen sie näher zum eigenen Tor….Du hast recht…das ist eine klare Fehlentscheidung…aber sowas von klar…


Gerd drückt nochmals auf die Fernbedienung, die Übertragung läuft wieder.

ROLF KRAMER
Abseits….Abseits…


ALEXANDER BURBACH
Ich werd’ bekloppt! Und der sagt das auch noch so ruhig, als gäbe es da gar keinen Zweifel…

GERD MÜLLER
Meine Jungs protestieren auch gar nicht. Ich hätte dem Schiri die Hölle heißgemacht. Aber das war ja alles gut erzogenen Sozialisten, Vorbild sein, da
macht man sowas nicht.


Unterbricht mit einen schnellen Druck auf die Fernbedienung wieder die Übertragung.


Jetzt stell’ dir das mal vor, der Gütschow wäre durch gewesen, allein vor Vollack…wenn der das Tor gemacht hätte…4:4….das wärs gewesen…das hätte
Euch das Genick gebrochen…da bin ich sicher…und Lippman gibt auch noch die Vorlage….ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie oft ich mir die Szene angeschaut
habe, aber an der Stelle, da habe ich auch angefangen, an dem Schiedsrichter zu zweifeln.

Katrin kommt mit einer frische Kanne Kaffee und einem Tablett mit belegten Broten („Schnittchen“) wieder ins Wohnzimmer.


KATHRIN BURBACH
Na, diskutiert Ihr Männer mal wieder über Abseits.


GERD MÜLLER
Da gibt’s nichts zu diskuteren.


ALEXANDER BURBACH

Dein Bruder stellt gerade Verschwörungstheorien auf.
„Wir wurden verpfiffen…“


GERD MÜLLER
Du hast es doch selbst gesehen.


ALEXANDER BURBACH
Ja gut, das war eine krasse Fehlentscheidung, zugegeben, aber das kann ja mal passieren, ist ja heute nicht anders, nur dass es da jetzt den Videobeweis gibt, aber damals…ich meine…was willst Du jetzt machen? An die UEFA schreiben, das Ergebnis bitte annullieren, das Spiel muss wiederholt werden, aber bitte mit den gleichen Spielern….


GERD MÜLLER
Hah, sehr witzig.


KATHRIN BURBACH
Das wäre doch mal was…So ein 1986er Gedächtnisspiel…Alte Herren…Leben die eigentlich alle noch?


GERD MÜLLER
Eben nicht! Bernd Jakubowski…unser Stammtorhüter…der Jaku…musste ja nach dem Foul von Wolfgang Funkel…


ALEXANDER BURBACH
Das war kein Foul, das war ein unglücklicher Zusammenstoß….


GERD MÜLLER
….nach dem Foul..der Schiedsrichter hat’s sogar gepfiffen….nur die Karte hatte er vergessen..und ich meine nicht die Gelbe…schließlich hat der Funkel ihm das Schultergelenk gebrochen….das war das Aus…Jaku hat danach nie wieder ein Fußballspiel bestritten…und 2007 ist er gestorben…Krebs..


ALEXANDER BURBACH
Die Uerdinger Mannschaft ist auch nicht verschont geblieben..Horst „Hotte“ Feilzer…Franz Raschid…beide tot…ist ja auch schon 34 Jahre her,
das Spiel…die Zeit kann manchmal ein richtiger Arsch sein….

GERD MÜLLER
Lajos Nemeth ist ja auch schon tot.


KATHRIN BURBACH
Wer?

GERD MÜLLER
Der Schiedsrichter….übrigens aus Ungarn..2014 verstorben, schade, ich hätte ihn mal gerne gefragt, was er sich bei so manchen Entscheidungen damals
gedacht hat.
zu Kathrin
Du hättest ja dolmetschen können..Ungarn war doch immer schon dein Spezialgebiet, oder…


ALEXANDER BURBACH
Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass…


GERD MÜLLER
Ich glaube gar nichts, ich gucke mir die Sachen nur an, Du hast es selbst gerade gesagt: Krasse Fehlentscheidung..


KATHRIN BURBACH
Na ja, Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift…


ALEXANDER BURBACH
Oh, das sind jetzt aber 5 Euro ins Phrasenschwein…


KATHRIN BURBACH
Hey, so hast Du mir mal Abseits erklärt..


ALEXANDER BURBACH
Ich wollte Dich nicht überfordern, Schatz!


KATHRIN BURBACH
Ja, ist gut jetzt. Wolltet Ihr nicht weitergucken? Und hier zur Stärkung: Käse, Schinken, Leberwurst. Greift zu.


GERD MÜLLER
Schwesterchen Du hast recht, wir sollten die Sache hier zu Ende bringen. Dieser Abseitspfiff war ja nicht der einzige Bock von Herrn Nemeth.


ALEXANDER BURBACH
Ach komm, jetzt sei mal nicht so ein schlecher Verlierer, außerdem (lacht), das Spiel ist doch gar nicht vorbei, 4:3, in der Summe 5:4 für Euch, sieht doch gar nicht so schlecht aus…


GERD MÜLLER
Ha Ha Ha! Na gut, dann machen wir mal weiter…ich glaube, wir sind jetzt so in der 75. Minute.
Drückt auf die Fernbedienung und schaltet die Übertragung wieder ein.

Black

Copyright: Rüdiger Höfken, Krefeld

Bildnachweis: WELT

Das Wunder von der Grotenburg (15)

Noch im Black erklingt die Stimme von Klaus Sammer


KLAUS SAMMER
… Jakubowski…der erste Torhüter…wollte unbedingt noch eine Betäubungsspritze haben…das ist also…dass er weitermachen kann…da hat der Arzt gesagt, das ist schon die höchste Dosis…ich kann da nicht mehr..also…und da habe ich die Mannschaft genommen und gleich in die andere Seite…es
herrschte die pure Angst….


Licht auf die Bühne. Alexander und Gerd sitzen, jeweils in ihren Vereinsschals auf Sofa und Sessel. Kathrin sitzt zwischen Ihnen, auf dem Tisch stehen jetzt Bierflaschen und Gläser. Die drei schauen in Richtung Fernseher, der für die Zuschauer nur von hinten zu sehen ist, d.h. in der Folge hören sie zwar die Reportage des Spieles, sehen dies aber nicht.


GERD MÜLLER
Mit der Fernbedienung in der Hand
Ich glaube, den Beginn der 2. Halbzeit können wir vorspulen, da passierte ja nicht viel bis zur 58. Minute….Welcher Knopf ist das…der hier…ach ja….ok….ups,das war zuviel…Moment…Zurück…ist der hier, oder….so…achtung…ja…das paßt glaube ich..
Nun läuft das Spiel in Echtzeit ab, mit dem Originalkommentar von Rolf Kramer. Guck Dir das an, direkt ein Foul von den Uerdingern und der Schiri pfeift nicht.


ROLF KRAMER
Er gibt einen Einwurf.


ALEXANDER BURBACH
Na, das muß man aber auch nicht unbedingt pfeifen.


ROLF KRAMER
Vielleicht jetzt! Links geht die Post ab! Ja…aber..Zuspiel klappt noch…


ALEXANDER BURBACH
springt auf
Jaa! Jaa!


ROLF KRAMER
Abseits!


ALEXANDER BURBACH
Das war nie im Leben Abseits


ROLF KRAMER
Das war richtig, die Entscheidung! Auch eine Folge des ungenauen Zuspiels. Der erste Paß kam ungenau..dann muss er nachlaufen…dann haben die Bremer Zeit, rauszukommen..dann kommt der zweite Paß …und es ist halt schade…


KATHRIN BURBACH
Halt mal eben an!


GERD MÜLLER

Drückt auf die Tastatur der Fernbedienung, die Übertragung stoppt.

KATHRIN BURBACH
Hat der gerade „Bremer“ gesagt?


ALEXANDER BURBACH
Ich glaub’ auch. Spul mal ein bißchen zurück.


GERD MÜLLER
Drückt erneut auf die Tastatur, dann läuft die Übertragung wieder…

ROLF KRAMER
…dann haben die Bremer Zeit, rauszukommen..
Alle drei prusten los.
…dann kommt der zweite Paß …und es ist halt schade…es war viel Platz in dieser Szene…die Entscheidung war korrekt.


KATHRIN BURBACH
Ihr Männer seid doch immer sonst so penibel, wenn es um Fußball geht…


ALEXANDER BURBACH
Das ist…das war halt live, der Mann war auch aufgeregt.

GERD MÜLLER
Aber Bremen und Dresden, wo ist denn da der Zusammenhang? Die haben ja nicht mal grüne Trikots…


ALEXANDER BURBACH
zu Kathrin
Ich glaube, Du bist die erste, die das gemerkt hat. Das ist der analytische Blick einer Frau.


GERD MÜLLER
Achtung!!


ROLF KRAMER
Wolfgang Funkel…Jaa… das gibt Elfmeter, das ist auch klar…Ich weiß nicht, ob Sie’s mitbekommmen haben….eine ganz klare Entscheidung..


GERD MÜLLER
Klare Entscheidung?? Der hat sich doch einfach fallen lassen.


ROLF KRAMER
Hier kommt die Wiederholung, der abgeblockte Schuß…


GERD MÜLLER
Guck mal, der Ramme!

ROLF KRAMER
Die gute Torwartparade…und dann wird einer der beiden Funkels im Strafraum klar zu Boden gedrückt…


GERD MÜLLER
Das war nix!


KATHRIN BURBACH
Elfmeter ist, wenn der Schiedrichter pfeift…


ALEXANDER BURBACH
Genau so isses…


ROLF KRAMER
Wolfgang wird schießen…langer, langer Anlauf..
Man hört nur die Stadiongeräusche, Rolf Kramer kommentiert den Treffer nicht unmittelbar.


ALEXANDER BURBACH
Springt kurz auf, ballt die Faust
Jawoll…Jaa! Weiter so, Jungs…


KATHRIN BURBACH
Der Reporter sagt ja gar nichts…


ALEXANDER BURBACH
Der ist stumm vor Glück… da guck, in die falsche Ecke geschickt, keine Chance der Ramme!

ROLF KRAMER
Er hat also zwei Tore gemacht…aber, es sind Treffer, die das Ergebnis ein bißchen schönen…mehr nicht!


GERD MÜLLER
Lacht bitter
Junge, wenn du wüßtest…


ALEXANDER BURBACH
Oh, guck mal, da kommen wir schon wieder…


ROLF KRAMER
Buttgereit!!! …Wieder ist die Fahne oben…


ALEXANDER BURBACH
Oh nee….


KATHRIN BURBACH
Ich glaub schon, dass das Abseits war…


ALEXANDER BURBACH
Hallo?? Geht’s noch? Auf welcher Seite stehst du?

GERD MÜLLER
Gute Frage!


KATHRIN BURBACH
Ach kommt, man muss doch fair bleiben!


ALEXANDER BURBACH
Fair? Hier geht es um den Einzug ins Europapokal-Halbfinale!! …Da pfeif ich doch auf die Fairness…Booah, nun spiel doch endlich mal den Ball, Ramme…


ROLF KRAMER
Schiedsrichter deutet an, dass er jetzt abschlagen muss, der junge Mann..


GERD MÜLLER
Eigentlich macht der seine Sache doch ganz gut..Spiel angemessen verzögern…wie war das noch mit der Fairness?


ALEXANDER BURBACH
Ja, ja, ja…ist ja schon gut…so kommt Jungs, auf geht’s…


GERD MÜLLER
Erstmal Einwurf für uns…


ALEXANDER BURBACH
Wie weit will der denn noch nach vorne laufen….. Ja, da haben wir ihn wieder… ab nach vorne…ja in die Lücke…oh jetzt nicht zurück… nicht wieder
hintenrum..


ROLF KRAMER
Sie tun sich schwer, das ist ganz klar, wenn man so aufbaut, aber…wie soll man es machen..ein langer Paß war nicht möglich…Dämgen…Schäfer…


ALEXANDER BURBACH
Eiiiiiii!!!


ROLF KRAMER
Und…ein Klinger-Schuß!


KATHRIN BURBACH
Uiii, das war knapp…


ALEXANDER BURBACH
Booh, hörst du die Zuschauer…Gänsehaut pur…


ROLF KRAMER
Das ist das, was natürlich im Nachhinein vielleicht doch ein bißchen zum Nachkarten einlässt, diese Torchancen, die sie gehabt haben, es war ein ganz,
ganz schmaler Grat, ein 0:2 Rückstand aufholen, da muss man Druck machen, von Beginn an….und kassiert das ganz schelle Tor, gleicht aus, kriegt dann wieder zwei..Herget!!!!


KATHRIN BURBACH & ALEXANDER BURBACH
Woooaaa…!


ALEXANDER BURBACH
Die haben aber auch Chancen!! Das geht ja im 20 Sekunden Takt, habe ich das Gefühl….


GERD MÜLLER
Ja, aber alles viel zu ungenau. Guck mal, der Ramme musste überhaupt nicht eingreifen…


ALEXANDER BURBACH
Da..hört Ihr die wieder? Uueerrdingen! Ueeeerdingen…


KATHRIN BURBACH
Ist das nicht der Feldkamp…


ALEXANDER BURBACH
Yep….guck mal…wie der die antreibt…nach vorne, vorne…da geht noch was….


GERD MÜLLER
Ruhig Brauner, noch liegen wir in Führung! Erstmal Abstoß für uns…

ALEXANDER BURBACH
Komm, den habt Ihr… ja…. oooh… neee…jetz….nochmal…ja…los Rudi…jawoll…10 Sekunden…10 Sekunden..und der Ball ist wieder bei uns…das ist der Wahnsinn…auf geht’s….oh guck dir diesen Zuckerpaß vom Herget an…diese Raumöffnung…hey…Foul!!! Jetzt haut der auch noch den Ball weg, der Sack…!!!


GERD MÜLLER
Der Schiedsrichter hat ja gepfiffen…


KATHRIN BURBACH
Gute Position!!


ALEXANDER BURBACH
Ja!


ROLF KRAMER
Publikum verständlich ein bißchen böse, weil die Dresdner -auch das verständlich, wer tut das nicht-bei Auswärtspielen auf Zeit spielen..


ALEXANDER BURBACH
Das würde heute alles hinterher auf die Uhr draufkommen…5 Minuten …mindestens…

ROLF KRAMER
Das ist Loontiens….und ein Selbsttoor!!!


ALEXANDER BURCHBACH
Jaaaaa!


GERD MÜLLER
Aber was für eine bescheidene Bildregie…da zeigen die den Einwechselspieler anstatt auf dem Freistoß draufzubleiben…


ALEXANDER BURBACH
Egal, Hauptsache drin, gibt ja gleich noch Wiederholung…

KATHRIN BURBACH
Der Uerdinger hats aber eilig!


ALEXANDER BURBACH
Ja, der Friedhelm Funkel trägt denen von Dynamo persönlich den Ball zum Anstoßpunkt zurück…weiter so..ah, da zeigen sie’s nochmal


ROLF KRAMER
Hier kommt die Wiederholung…Gudmunsson wird hier angesagt…

GERD MÜLLER
Nein, das war Eigentor Minge! Was soll Ramme denn da machen?


ROLF KRAMER
Ich habe das noch nie erlebt…bei hohen Bällen…wie oft habe ich es gesagt…wie oft ist es passiert…diese Konfusion in der Abwehr..da stehen sie rum…kommen nicht zum Ball…distanzieren schlecht…der Ausgleich..3:3…und jetzt ist noch
mal was los hier…


ALEXANDER BURBACH
Das waren noch nicht mal 4 Minuten….da…da ist der Ball schon wieder bei uns…

ROLF KRAMER
Gudmunsson, der Torschütze von Stadionsprecher..das war..Sie haben es vielleicht in der Wiederholung gesehen..ein Selbsttor Minge…kurioserweise der
Mann, der zum 1:0 traf…dieses Mal ins eigene Tor..6 Tore…aber..sie stimmen in der Relation nicht…aus Uerdinger Sicht…ganz klar…aber es gibt neuen Mut….


KATHRIN BURBACH
Ecke Uerdingen!!!

ROLF KRAMER
Ja!


ALEXANDER BURBACH
Nächste Chance…boah, das geht jetzt so schnell..


ROLF KRAMER
Dies Mal kurz gespielt…


ALEXANDER BURBACH
Heiiiii!!


ROLF KRAMER
Feilzer…Dämgen..Noch einmal..


GERD MÜLLER
Und jetzt raus mit der Pille…los…


ROLF KRAMER
Ja, das sind die technischen Mängel…Buttgereit…Maßvorlage für den Gegner..er
kommt mit vier, fünf Mann..


ALEXANDER BURBACH
Zack…abgeblockt…Ballbesitz uns…gut so…und wieder ab nach vorne…das ist der Hammer wie die laufen…


ROLF KRAMER
Rudi Bommer


KATHRIN BURBACH
Nächste Ecke…


ROLF KRAMER
Und sie holen sich selbst die Bälle hinten..es gibt eine Ecke…kein Abstoß..


ALEXANDER BURBACH
Gut gesehen, Spatzl!


KATHRIN BURBACH
Guck mal, wie nah die Fotografen da alle an der Torauslinie sitzen, das wäre doch heute gar nicht mehr erlaubt, oder?


ALEXANDER BURBACH
Andere Zeiten….andere Zeiten…ooh…ooh…


GERD MÜLLER
Jetzt wieder ab nach vorne, Dynamooooo…Tempo!!!


ALEXANDER BURBACH
Zack,isser wieder weg, Euer Ball. Ihr kommt ja gerade noch bis kurz hinter die Mittelinie..ja…und…

ROLF KRAMER
Funkel…Gudmunsson…


ALEXANDER BURBACH
Springt auf in Erwartung des nächsten Tores, doch Ramme lenkt den Ball über die Latte… Wuuuaaaah!! Oh, das war klasse vom Ramme…muss ich sagen…über die Latte gelenkt…


ROLF KRAMER
Da haben wir den Isländer…Glänzender Doppelpaß….der erste gelungene in diesem Spiel…und ein tolle Reaktion….des Torhüters…


KATHRIN BURBACH
Ich glaube, der Rolf Kramer hat den Namen von Ramme vergessen…


ALEXANDER BURBACH
Und schon wieder Ecke für uns….Oh den muss er doch haben….das war jetzt wieder unsicher..

GERD MÜLLER
Jetzt befreit Euch doch mal hinten raus…


ALEXANDER BURBACH
Boh, der Feilzer…klasse…jetzt verliert ihr den Ball schon in der eigenen Hälfte…


ROLF KRAMER
Uerdingen spielt jetzt „Alles oder Nichts“..mit einem Torhüter an der Mitteline…Schäfer!!!….War er drin?…Der Linienrichter geht zur Mittelinie…Ein
Tor!!!


Für einen Moment hört man aus dem Fernseher nur den Jubel aus der Grotenburg. Rolf Kramer bleibt stumm. Alexander und Katrin sind aufgesprungen. Gerd bleibt in seinem Sessel sitzen und lächelt beinahe unmerklich und schüttelt dabei sachte den Kopf. Alex rennt einmal quer durch das Zimmer und zurück, ballt dabei die Fäuste….


ALEXANDER BURBACH
Wahnsinn! Wahnsinn!…Haste den Schäfer gesehen….da wie der den drüber hebt….und…


ROLF KRAMER
Dörner….hinter der Linie…das ist der Torschütze…zum ersten Mal…liegt Uerdingen vor…Herrjee ist das ein Spiel…0:1…1:3 zur Pause…der Elfmeter…der Ausgleich…und jetzt 4:3…und hier oben werden schon Zettel rumgereicht…noch 2 Tore…aber..bei aller Begeisterung, Euphorie, die sich hier breit macht auf
den Rängen..ein nüchternes Wort..es war ein Spiel, schon im ersten Durchgang das viel, viel Kraft gekostet hat..erst recht die Aufholjagd..es bleibt dabei, dass diese Dresdner Truppe im Gegenzug, im Konter…klasse ist..aber ein Riesenkompliment an die Krefelder…


ALEXANDER BURBACH
Das sind Uerdinger..keine Krefelder…


ROLF KRAMER
Und Sie hören die Sprechchöre…Bayer…Bayer…noch 24 Minuten…Ich habe selten ein so unorthodoxes Europapokalspiel gesehen…auf der einen Seite eine
technisch hochbegabte Mannschaft…die alle Trümpfe hat…auf der anderen Seite…ein Team, das alles auf eine Karte setzt…kämpft…nie aufsteckt…und das
nach 1:3…und sich belohnt.


ALEXANDER BURBACH
Halt mal an…
Gerd drückt auf die Fernbedienung, die Übertragung stoppt…für einen Moment ist es ganz still im Zimmer…
Boahh, ich halte dich nicht aus…ich mein’…wenn ich das live gesehen hätte…ich hätte ja einen Herzschlag bekommen….ich wär’ einfach umgekippt…Spatzl..wir hätten uns nie kennengelernt…


KATHRIN BURBACH
Tja, wat’n Pech….
Gerd lacht laut auf.


ALEXANDER BURBACH
Steht auf und geht zur Tür links
Ich muss pissen.
Geht raus, Gerd schaut ihm nach, dann zu Kathrin:


GERD MÜLLER
Die Rheinländer….sie halten doch nie hinterm Berg mit irgendwas…immer raus damit..irgendwie ja herzerfrischend….wie war das denn für Dich, als Du hier ankamst?
Einen Moment Stille. Kathrin schaut Gerd lange an.


KATHRIN BURBACH
Wenn Du’s genau wissen willst, ich war einsam

GERD MÜLLER
Es war Deine Wahl.


KATHRIN BURBACH
Hat man wirklich eine Wahl?


Black

Copyright: Rüdiger Höfken, Krefeld

Fotonachweis: WZ Krefeld

Das Wunder von der Grotenburg (14)

2. Halbzeit

Szene 2: „Wer glaubt an ein 6:3?“


Noch im Black erklingt die Stimme von Rolf Kramer
ROLF KRAMER
0:2, 1:3, in der Pause hier gingen die Meinungen weit auseinander….sogar drüben, bei den Kollegen aus der DDR…Spiel wird ja auch da live übertragen…3:1…die einen meinten, klar verdient…andere meinten, es hätte auch
zwischenzeitlich – und wer weiß, ob es dann zum 3:1 gekommen wäre..2:1 oder gar 3:1 für Uerdingen stehen können. Schwächen in der eigenen Abwehr, aber…alle sind sich natürlich sicher, dass dieses Spiel hier gelaufen ist, wer glaubt an ein 6:3, an 5 Tore für die Uerdinger? Niemand!


Licht auf die Bühne. Alle drei sitzen noch auf dem Sofa und der Couch beim Kaffee, offenbar ist aber einige Zeit vergangen, die Alexander und Gerd gebraucht haben, um Kathrin auf den „aktuellen Stand“ zu bringen.

ALEXANDER BURBACH
Und da waren wir nun. Halbzeit. 1:3 aus der Sicht der Uerdingen, 1:5 in der Gesamtwertung mit dem 2:0 von Dynamo aus dem Hinspiel.


KATHRIN BURBACH
Und Ihr Jungs wart live dabei oder wie?


Alexander und Gerd spielen sich jetzt die Bälle zu.

ALEXANDER BURBACH
Ich war natürlich in der Grotenburg, obwohl das Spiel auch live im Fernsehen kam. Das war damals gar nicht selbstverständlich, schließlich lief zur gleichen
Zeit Anderlecht – Bayern München, und Sky, Pay-TV und Konferenzen und son Zeug gab es noch alles nicht. Das ZDF musste sich für eine Partie entscheiden…


GERD MÜLLER
Und hier kommt ein junger Reporter namens Rolf Töpperwien ins Gespräch…


ALEXANDER BURBACH
Der war echt ne Type..Töppie nannten ihn alle….bißchen durchgeknallt und immer wie ein Terrier ran an die Spieler zum Interview nach dem Abpfiff…


GERD MÜLLER
Jedenfalls hat der seinen Chef in der Redaktion überzeugt, dass man unbedingt das Deutsch-Deutsche Duell zeigen müsste. Bayern München gäbe es doch jedes Jahr….


ALEXANDER BURBACH
Und der Chef, das war Dieter Kürten, weißt Du, der aus dem Sportstudio, ein ganz Bekannter, jedenfalls, er hat sich darauf eingelassen…


GERD MÜLLER
Aber dann hat er dem Töppie noch gedroht, ok, wir machen das, aber wenn das Spiel zur Halbzeit entschieden ist, dann drehe ich dir am nächsten Tag den Hals um…


ALEXANDER BURBACH
Kannst Du dir vorstellen, wie der die Hosen voll hatte, als der Halbzeitpfiff ertönte?


Beide Männer lachen herzhaft


KATHRIN BURBACH
Zu Gerd
Und Du hast das Spiel im DDR-Fernsehen gesehen?

Das Lachen der beiden Männer erstirbt abrupt.


GERD MÜLLER
Pause
Nein…ich habe später mal Ausschnitte gesehen….viel später…


KATHRIN BURBACH
Aber wieso das denn, das war doch immer Dein Verein,
ich kann mich noch gut erinnern, wie wir alle zu Hause vor diesem unförmigen Kasten saßen, was damals ein Fernseher war und Du und Vater unablässig riefen: Dyynnnnaaaamooooooo!!Dyynnnnaaaamooooooo!!


GERD MÜLLER
Das Spiel war am 19.März 1986…
Stille


KATHRIN BURBACH
Oh!
Stille.


ALEXANDER BURBACH
Will das Steuer rumreißen
Ok, ich muss Euch ein Geständnis machen. Ich habe das noch nie jemanden erzählt, aber jetzt muss es mal raus!


GERD MÜLLER
Was?


ALEXANDER BURBACH
Atmet noch einmal tief durch.
Also ich war auch nicht live dabei, zumindest was die 2. Halbzeit angeht.


KATHRIN BURBACH
Echt jetzt?


GERD MÜLLER
Ach?!


ALEXANDER BURBACH
Jaaa, ich habe das noch nie jemanden erzählt. Ich hab’ mich so geschämt. Als das 1:3 fiel, bin ich raus aus dem Stadion. Ich war total sauer, ich hatte mich
so gefreut auf das Spiel und dann das. Ich mein’, das war eine Demontage, das war ein Desaster, das konnte ich mir nicht länger angucken, das hat mir
körperliche Schmerzen bereitet, ich wollte da nur noch weg…

GERD MÜLLER
So wie 1985 beim Tor von Dieter Hoeneß?


ALEXANDER BURBACH
Ja, in etwa…nee, eigentlich noch viel schlimmer..


KATHRIN BURBACH
Keine Ahnung, wovon Ihr gerade redet, aber macht mal….


ALEXANDER BURBACH
Jedenfalls, ich bin da raus, noch bevor der Schiri zur Halbzeit pfiff. Bin dann einfach so rumgelaufen Richtung Bahnhof. Habe also auch nichts am Fernseher
mitbekommen. Und sowas gab’s ja noch nicht.
Holt sein Smartphone aus der Tasche


GERD MÜLLER
Und dann?


ALEXANDER BURBACH
Irgendwann später habe ich den Zug nach Kleve genommen, ich war da ja noch im Zivildienst und musste am nächsten Morgen wieder ran bei meinen alten
Leuten..ich hatte da direkt ein Schlafzimmer im Heim, habe mir noch zwei, drei Frustbierchen gekippt, dann war ich weg. Kein Radio, kein TV, ich hatte keine
Ahnung, wie das Spiel ausgegangen war.


GERD MÜLLER
Na, das nenne ich mal einen wahren Fußballfan….


KATHRIN BURBACH
Da hast Du aber echt was verpasst!!


ALEXANDER BURBACH
Ja, streut noch alle Salz in meine Wunden, die sind nämlich immer noch nicht verheilt…Am nächsten Morgen bin dann als erstes bei Herrn Beer rein in
meiner Schicht, Jahrgang 1900, einer vom ganz alten Schlag, aber geistig war der immer noch topfit, und ein Fußballverrückter wie er im Buche steht, der
hatte schon die BILD aufgeschlagen, als ich in sein Zimmer reinkam, keine Ahnung, wo er die um die Uhrzeit schon her hatte und dann rief er -kaum dass
ich die Tür rein war- „Mensch, Alexander, da haben Sie was wahrhaft Historisches erlebt, das ist fast wie das Wunder von Bern!!! Im ersten Moment dachte, Oh Gott, Beer ist über Nacht dement geworden.


GERD MÜLLER
Ah ja, die BILD, die hatte ich natürlich auch in meine Recherche einbezogen.
Holt eine Mappe mit Zeitungsseiten aus seiner Tasche. Wo habe ich es? Ach ja, hier. „Die Jubel-Nacht in Uerdingen, Sekt, Pils und viele Tränen“


ALEXANDER BURBACH
Ja, ich habe dann Herrn Beer die BILD weggerissen und da waren sie…alle sechs Tore der 2. Halbzeit mit Foto und Text…unfassbar…


KATHRIN BURBACH
Also, nur dass ich mal richtig verstehe. Ihr zwei
sitzt jetzt schon Schaut auf ihre Armbanduhr wieviele Stunden? – hier rum und quatscht Euch den Mund fusselig über ein Spiel, dessen entscheidende
Phasen ihr beide gar nicht live erlebt habt?


GERD MÜLLER
Kann man so sehen…


KATHRIN BURBACH
Irgendwas in der Evolution ist schiefgelaufen…


ALEXANDER BURBACH
Spatzl, das verstehst Du nicht…


KATHRIN BURBACH
Ach jetzt komm mir nicht so, von wegen Frauen und Fußball passen nicht zusammen..wie oft bin ich mit Dir die letzten Jahre nach Duisburg und Düsseldorf gefahren…


ALEXANDER BURBACH
Zu Gerd
Auch wieder wahr..


GERD MÜLLER
Mein Schwester ist zum Fußballfan mutiert, ich glaube es nicht, aber doch dann bitte für den richtigen Verein!
Holt aus seiner Tasche einen Dynamo Schal und wirft ihn Kathrin zu. Sie betrachtet den Schal einen Moment und gibt ihn dann Gerd zurück.


KATHRIN BURBACH
Tut mir leid, aber mein Zuhause ist jetzt hier…seit dreißig Jahren
Kurze Stille. Alexander, der die Brisanz der letzten Aussage von Kathrin nicht mitbekommt (oder mitbekommen will) springt auf.


ALEXANDER BURBACH
Yeah!! Das ist meine Babe!!! 2:1 fuer Uerdingen, würde ich sagen!!

Zu Gerd, der sich mittlerweile demonstrativ den Dynamo Schal umgelegt hat
Duuu kannst nach Hause fahren, duuu kannst nach Hause fahren!


KATHRIN BURBACH
Hat in der Zwischenzeit begonnen, das Kaffeegeschirr abzuräumen. Dann nicht ohne Lächeln im Gesicht:
Ihr seid doch alle bekloppt!
Steht auf und geht in die Küche.


GERD MÜLLER
Sie hat es schon nicht leicht mit uns….und, wann hast Du dann das nachgeholt, die 2 Halbzeit, meine ich…irgendwann hast Du Dir die Tore doch bestimmt
angeguckt.


ALEXANDER BURCHACH
Um ehrlich zu sein, nein!


GERD MÜLLER
Nein??!!


ALEXANDER BURBACH
Ich weiß, das klingt jetzt irgendwie bescheuert, aber das war so eine Art Gelübde für mich, ich wollte büßen, ich wollte mich selbst bestrafen für meine
Dummheit, dass ich das Stadion vorzeitig verlassen habe. Ich habe gedacht, ich habe es nicht verdient, diese Tore zu sehen.


GERD MÜLLER
Das ist schon ganz schön schräg.
Zu Kathrin, die mittlerweile wieder im Eingang zur Küche steht
Was hast du denn da geheiratet?


KATHRIN BURBACH
Ach, ich hab’ mich mittlerweile gewöhnt an den Dickkopf, ist nicht immer ganz einfach…aber meistens gehts….


GERD MÜLLER
Und Du hast Dir nie die 2. Halbzeit angeschaut?


ALEXANDER BURBACH
Nein!


GERD MÜLLER
Bis heute nicht?

ALEXANDER BURBACH
Nee!


GERD MÜLLER
Auch keine Ausschnitte?


ALEXANDER BURBACH
Schüttelt den Kopf


GERD MÜLLER
Na, dann wird es langsam mal Zeit…warte mal, ich habe da noch was mit gebracht….
zieht eine DVD Hülle aus seiner Tasche…
Das isses!


ALEXANDER BURBACH
Guckt verständnislos


GERD MÜLLER
Na,das Spiel! In voller Länge! Gut zur Hälfte kennst Du es ja, fast…aber die entscheidenden Minuten fehlen Dir noch…und ich denke, fast 35 Jahre
Selbstkasteiung reichen jetzt auch mal, hiermit erlöse ich Dich feierlich von Deinem Gelübde und wir schauen uns jetzt an, was damals passierte, ….


ALEXANDER BURBACH
Zögert einen Moment…dann…
Oookaaayy…aber lass mich noch meinen Schal holen.


KATHRIN BURBACH
Na super, ein DVD-Abend, darauf habe ich mich schon seit meinen Abflug gefreut…ich gucke mal nach, noch Bier da ist…


Black

Copyright: Rüdiger Höfken; Krefeld

Bildnachweis: imago images

Das Wunder von der Grotenburg (13)

2. Halbzeit

Szene 1: „Auch in der 2. Halbzeit kann man noch Tore schießen“


Noch im Black erklingt die Stimme von Rolf Kramer
ROLF KRAMER
…das Spiel läuft 14 Sekunden, meine Damen und Herren, die Dresdner haben einen neuen Torhüter auf dem Feld…Sie werden ihn gleich sehen…einen jungen
Mann….Jens Ramme…hier haben wir ihn…er ist 22…hat international noch keine Erfahrung…hat auch in der Meisterschaft kaum einmal zwischen den
Pfosten gestanden..Bernd Jakubowski hat eine Verletzung im Schultergelenk…nach dem Zusammenstoß mit Wolfgang Funkel….


Licht auf die Bühne. Die Szene schließt direkt an an das Ende der „1. Halbzeit“. Kathrin steht noch mit ihrem Koffer mitten im Wohnzimmer, die Männer sitzen noch auf dem Sofa bzw. im Sessel.


KATHRIN BURBACH
Fußball? Na, was auch sonst?
Geht zu ihrem Mann Alex und küßt ihn.
Geht zu ihrem Bruder Gerd und gibt ihm einen Kuss auf die Wange.
Schön, dass Du da bist, Brüderchen. Hat Alex Dir schon das Gästezimmer gezeigt?


ALEXANDER BURBACH
Ähh, so weit waren wir noch nicht gekommen…


KATHRIN BURBACH
Blickt auf das Chaos, von Gläsern, leeren und halbleeren Flaschen sowie aufgerissenen Chips und „Knabberzeug“-Tüten…
Ja, das sehe ich. Offensichtlich hattet Ihr wichtige Dinge zu besprechen. Ich glaube, ich mach uns erstmal einen Kaffee…und Mann, habe ich einen Kohldampf…
Läßt den Koffer stehen und geht in die Küche


ALEXANDER BURBACH
Ruft ihr hinterher
Im Ofen ist noch ein Stück Pizza!
Dann zu Gerd
Ich glaube, wir sollten mal ein bißchen aufräumen.

GERD MÜLLER
Und ob!
Die beiden fangen, Gläser, Flaschen und Chipstüten einzusammeln, das heißt: Alex gibt alles an Gerd weiter, der in einer komischen Pantomime versucht, alles in den Händen zu halten und sich teilweise auch die Flaschen und
Chipstüten unter dem Arm klemmt.


ALEXANDER BURBACH
Ruft nochmals in die Küche
Schatz, ich guck nochmal eben nach dem Gästezimmer und ich nehm Deinen Koffer schon mit.
Geht nach links ab, Gerd müht sich derweil mit Flaschen und Gläsern beladen in die Küche, nach rechts. Die Bühne ist nun leer. Der folgende Dialog wird aus dem Off „in der Küche“ gesprochen.


KATHRIN BURBACH
Ach Gott, hat Dir Alex das alles aufgeladen, komm her, ich helf Dir.

GERD MÜLLER
Danke Dir, schön, dass Du jetzt doch schon da bist…


KATHRIN BURBACH
Na, Ihr scheint ja auch ganz gut ohne mich zurechtgekommen zu sein.


GERD MÜLLER
Lacht
Ja, wir haben wohl ein bißchen die Zeit vergessen. Das kommt davon, wenn man so tief die Vergangenheit vordringt…


KATHRIN BURBACH
Ach? Ich dachte, Ihr hättet über Fußball geredet.


GERD MÜLLER
Auch!
Pause
Und, wie war Budapest?


KATHRIN BURBACH
Ach wie immer, ich war da jetzt schon so oft da…


GERD MÜLLER
Ich weiß…

KATHRIN BURBACH
Obwohl…das mit Orban wird immer schlimmer…ich verstehe das einfach nicht…wofür hat man 89 eigentlich gekämpft…bestimmt nicht für diesen autoritär agierenden Staat von heute…manchmal denke ich, warum schmeißen wir die nicht aus der EU raus….andererseits, ich mag dieses Land immer noch,
die Leute, die Künstler, die Schriftsteller…


GERD MÜLLER
Ja, dein Verhältnis zu Ungarn war immer speziell…


KATHRIN BURBACH
Ach, Brüderchen….das ist doch schon über 30 Jahre her…hilfst du mir eben…kannst die Tassen schon rübertragen, ich komme dann mit dem Kaffee…wo ist eigentlich Alex?
Gerd und Alex kommen gleichzeitig wieder ins Wohnzimmer, Alex von links, Gerd von rechts aus der Küche, beladen mit einem Tablett mit Tassen,
Untertasse, Löffeln, Milch und Zucke. Alex ruft in die Küche.


ALEXANDER BURBACH
Kann ich noch irgendwie helfen?


KATHRIN BURBACH
Aus der Küche, ironisch
Lass mal, Du hast ja schon genug getan. Ich bringe euch gleich den Kaffee.
Gerd und Alex setzen sich aufs Sofa, verteilen das „Kaffee-Zubehör“ auf dem Couch-Tisch und warten auf Kathrin, die wenige Momente später
mit der Kaffeekanne und einem Teller mit einem Reststück Pizza aus der Küche kommt.

Na, dann erzählt mal!


ALEXANDER BURBACH
Was?


KATHRIN BURBACH
Während sie Kaffee in die Tassen gießt
Na, was Euch so umgetrieben hat, dass Ihr Raum und Zeit vergessen habt…und offensichtlich fast die gesamten Vorräte an Hochprozentigem gekillt habt, die
im Haushalt noch zur Verfügung standen..


ALEXANDER BURBACH
Apropos…haben wir noch einen kleinen Cognac für den Kaffee
Kathrin guckt „gespielt“ streng
Ach lass mal, schmeckt auch so.

GERD MÜLLER
Nun, wir haben ein wenig über mein Buch geplaudert. Deutsch-Deutsche Geschichte….da kennst Du Dich auch gut aus…
Für einen Moment droht die Stimmung zu kippen, bevor sich Alex einschaltet…


ALEXANDER BURBACH
Ich wusste gar nicht, dass Dein Bruder so gut über Fußball Bescheid weiß. Ich glaube, wir hätten noch die ganze Nacht weiterreden können, aber uns gingen
langsam die Vorräte aus. In diesen Sinne, danke für den Kaffee!
Alle drei „prosten“ sich mit den Tassen zu


GERD MÜLLER
Außerdem ist es ganz gut, einen klaren Kopf zu bekommen für die 2. Halbzeit!

KATHRIN BURBACH

2. Halbzeit? Kann mich mal jemand aufklären, um was
es hier eigentlich geht?


ALEXANDER BURBACH
Oh, das ist ein lange Geschichte!


Black

Copyright: Rüdiger Höfken, Krefeld

Fotonachweis: Stern

Das Wunder von der Grotenburg (12)

Szene 12: Wir wollen weiter!


Noch im Black erklingt die Stimme von ZDF-Reporter Rolf Kramer
ROLF KRAMER
…vielleicht schaut er zu…sicher schaut er zu: Helmut Schön…Deutsche Meisterschaft, Pokalsiege, Länderspiele in Dresden….in den 30er Jahren…in
den 40er Jahren…die letzte 44…nicht lange danach kam dann die schlimme, die furchtbare Nacht von Dresden…eine Stadt, in der Fußball immer noch blüht…der technisch beste der DDR soll da gespielt werden…es war lange so…eine neue, eine junge Mannschaft…wieder Lippmann… das wird jetzt wieder gefährlich werden…er schaut….und ein Selbstooor! …eieiei….man konnte es…..das tut weh…man konnte es kommen sehen…das ist bitter…das ist bitter…und das ist gelaufen hier…


Licht auf die Bühne. Die Unordnung im Zimmer hat noch ein wenig zugenommen, was an den leeren und halbvollen Flaschen als auch an den
aufgerissenen „Knabberzeug“ Tüten liegt. Alexander schenkt gerade noch einmal nach.

ALEXANDER BURBACH
Ok, bevor wir jetzt aber zur Grotenburg kommen, musst Du mir noch unbedingt was übers Hinspiel bei Euch in Dresden erzählen. Ich weiß, dass das auch im
Fernsehen übertragen wurde, aber meine Erinnerung daran ist gleich Null, irgendwie ein weißer Fleck, wahrscheinlich überlagert von allen Ereignissen nach.


GERD MÜLLER
Tja, das Hinspiel in Dresden…es war für lange Zeit das letzte Spiel von Dynamo, wo ich live im Stadion war, das war ja zwei Wochen, bevor die Sache mit Kathrin passierte….
Schweigen
Aber lass uns über das Spiel sprechen…es war ja eine wahre Schlammschlacht… das meine ich jetzt nicht irgendwie metaphorisch sondern wortwörtlich. Es hatte vorher tagelang geregnet, eigentlich ein Unding, dass das Spiel auf so einem Platz angepfiffen wurde. Aber es war Europapokal und das Spiel wurde
live übertragen, wer traut sich da schon, das abzusagen?


ALEXANDER BURBACH
Ja, ich glaube, jetzt erinnere mich doch an das ein oder andere Bild. Man konnte am Ende die Mannschaften gar nicht mehr richtig unterscheiden..


GERD MÜLLER
Ja, was am Anfang SchwarzGelb gegen Hellblau hieß, war am Ende Matchbraun gegen Modderocker…aber wir waren natürlich sehr zufrieden, 2:0 das war schon ein gutes Ergebnis für uns, Klaus Sammer war sich auch recht sicher, dass das reichen muß fürs Rückspiel.
Nimmt sein Buch zur Hand und schlägt es auf
Hier…direkt nach dem Spiel hat er gesagt: „Wenn da nichts Ungwöhnliches passiert, wie das beispielsweise in Wien der Fall war, müsste ein 2:0
im internationalen Wettbewerb reichen. Immerhin muß Uerdingen zu Hause 3 Tore schießen..und meiner Ansicht nach ist es auch schwer..und wie gesagt..wir
können es eventuell schaffen…“

ALEXANDER BURBACH
Immerhin hat er noch ein „eventuell“ eingefügt, so ganz überzeugt war er wohl nicht..


GERD MÜLLER
Du darfst nie vergessen, unter welchem Druck die Mannschaft und der Trainer standen. Gut, auch für Euch ging es um den Einzug ins Halbfinale, aber ihr wart neu in Europa, sozusagen der Underdog, niemand hätte es Euch wirklich übelgenommen, gegen eine Mannschaft wie Dresden auszuscheiden, und für Eure Spieler ging es dann am Ende um die 8.000 DM Siegprämie für den Einzug ins Halbfinale. Bei uns war der „Leistungsanreiz“
Setzt das Wort in Anführungszeichen
ja ein ganz anderer. Zunächst war da mal der große Anspruch, es endlich mal gegen eine Mannschaft aus der BRD zu schaffen, immerhin der 4. Anlauf, und dann noch die große Chance, zum ersten Mal in ein Europapokalfinale zu kommen. Aber der größte Druck kam natürlich von ganz oben. Nimmt wieder das Buch zu Hand
Nach der Wende hatte ich die Gelegenheit, Einsicht in Akten der Staatsicherheit zu nehmen. Du glaubst nicht, was ich da alles zu dem Spiel finden konnte:
Zitiert:
„Ausgehend vom gegenwärtigen Stand der Beteiligung der SG Dynamo Dresden im europäischen Cupwettbewerb der Pokalsieger, FDGB- Fußballpokalwettbewerb, und in der laufenden Fußball-DDR Meisterschaft bestehen in der SG Dynamo Dresden folgende Zielstellungen:

Erreichen des Halbfinales im Europapokal
Erreichen des FDGB-Pokalfinales
Kampf um die Meisterschaft

Im Hinblick auf die Realisierung dieser Leistungsziele wurden der Bezirksverwaltung für Staatsicherheit Dresden eine Reihe von Problemen
bekannt, an deren Beseitigung gearbeitet wird bzw. die sich hinderlich auf die Weiterentwicklung des Kollektivs auswirken könnten.


ALEXANDER BURBACH
Wooow!


GERD MÜLLER
Wie gesagt, das kam nicht aus dem Verein selbst, das waren keine sportlichen, das waren politische Ziele. Und Du kannst davon ausgehen, dass jeder im Umfeld des Vereins, seien es die Spieler, der Trainer oder sonstige Beteiligten bis in die persönlichsten und intimsten Bereiche durchleuchtet wurden. Und glaub’ mir, die haben auch nicht vor den Uerdingern Halt gemacht. Nicht umsonst hat damals Trainer Feldkamp die entscheidende Mannschaftsbesprechung draußen am Ufer der Elbe abgehalten. Ein mutiger Mitarbeiter im schicken Hotel Bellevue, wo der Uerdingern Troß abgestiegen war, hatte Feldkamp darauf aufmerksam gemacht, dass der eigentlich vorgesehene Besprechungsraum im Hotel schlecht gelüftet sei. Was nichts anderes hieß, als das der Raum mehr Zuhörer hatte als nur die Mannschaft.


ALEXANDER BURBACH
Aber es ging doch nur um Fußball…


GERD MÜLLER
Nein, hier ging es um die Systemfrage. Und ich meine jetzt nicht das Spielsystem auf dem Platz. Am Ende macht die Stasi Trainer Klaus Sammer sogar Vorschriften, wenn er in den Kader zu nehmen hatte: Frank Lippmann! Der war eigentlich schon draußen und unten durch bei Sammer, wegen zahlreicher Eskapaden, Alkohol und so…aber die Stasi hat am Ende durchgedrückt, dass er gegen Uerdingen spielt..


ALEXANDER BURBACH
Das hätte sich mal jemand bei Kalli Feldkamp trauen sollen…


GERD MÜLLER
Nun, zunächst schien ja der Erfolg der Staatsicherheit Recht zu geben. In der ersten Halbzeit passierte nicht viel, beide Mannschaften schienen ziemlich Respekt voreinander zu haben, aber dann in der 50. Minute macht ausgerechnet „Lippe“, wie ihn alle nannten, das 1:0
Spielt die Szene nach
Dixie Dörner schnappt sich den Ball in der eigenen Hälfte und treibt ihn nach vorne…bis zur Strafraumgrenze der Uerdinger…dann der Ball scheint
schon verloren…aber Herget, der Uerdinger Libero agiert zu lässig…unser Häfner setzt nach, spitzelt den Ball in den 16m Raum, Pilz kommt an den Ball,
rutscht aus und obwohl er fast auf seinem Hintern sitzt, bringt er die Kugel noch weiter an „Lippe“…und der eiskalt aus der Drehung….6- 7 m
vor Vollack…und Tooooor! 1:0 für Dynamo…Wir sind auf der Tribüne total ausgerastet…und wir haben nur noch geschrieen: „Wir wollen weiter!!! Wir wollen weiter!!!“…


ALEXANDER BURBACH
Und irgendwo in der Zentrale der Staatssicherheit in Ostberlin hat sich wahrscheinlich jemand erleichtert in seinem Bürostuhl zurückgelehnt…

GERD MÜLLER
Ja, bis zu diesem Zeitpunkt war die Anweisung der Stasi wohl absolut folgerichtig und es war ja auch nicht das letzte Tor, das „Lippe“ gegen Uerdingen schoß.


ALEXANDER BURBACH
Waren eigentlich Fans aus Uerdingen im Stadion?


GERD MÜLLER
Oh ja, rund 1.000 hatten sich auf dem Weg gemacht zu uns in den Osten. Viele mit dem Privat-PKW, das war damals ja noch eine Weltreise, und es gab -glaube ich- 8 Sonderbusse und sogar 2 Chartermaschinen…


ALEXANDER BURBACH
Ja, was Auswärtspiele angeht, waren wir Uerdingen immer schon besonders engagiert. Manchmal würde ich mir wünschen, dass das mehr auf unsere Heimspiele abfärbt. Obwohl Heimspiele…anderes Thema!
Hattet Ihr denn Kontakt mit uns?


GERD MUELLER
Na ja, eigentlich war das ja nicht erwünscht, aber in so einem großen Stadion mit so vielen Zuschauern ließ sich das auch nicht ganz verhindern. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor dem Spiel mit einigen aus dem Westen nebeneinander an der Pißrinne stand. Westurin und Osturin flossen da zusammen…sozusagen eine Vorwegnahme der späteren Wiedervereinigung.


ALEXANDER BURBACH
Lacht
Die Wende begann wo? In Dresden, auf’m Klo! Sehr schön! Ich glaube, da wäre ich auch gerne dabei gewesen. Lief die Kontaktaufnahme mit dem Westen denn
friedlich ab?


GERD MÜLLER
Absolut! Keine Gerangel, keine Provokationen, keine Prügeleien..das hätte die VoPo im Stadion wohl auch schnell unterdrückt…nein für uns war das schon ein
ganz besonderer Tag und ich denke auch für die Uerdinger…obwohl sportlich es ja nicht toll für sie lief, spätestens als Pilz das 2:0 machte, war denen auch klar, dass die Messe gelesen war, wie ihr das sagt. Nach dem Spiel haben die uns noch eingedeckt mit Bayer 05 Aufklebern, die waren bei uns heiß begehrt… ich habe sogar noch einen.
Holt ihn aus seiner Tasche raus und zeigt ihn Alexander.

ALEXANDER BURBACH
Ein echtes Artefakt!….und jetzt hatten wohl alle ihr Augenmerk auf das Rückspiel in 14 Tagen in der Grotenburg gerichtet.


GERD MÜLLER
Ja, auch ich war das schon ganz „heiß drauf“, wie es so schön heißt, da konnte ich nicht ahnen, dass das Ganze zur absoluten Nebensache geriet. Nein, mehr
noch, ich nahm vom Rückspiel gar keine Notiz, denn dafür war ich zu sehr erschüttert.


ALEXANDER BURBACH
Kathrin!


GERD MÜLLER
Ja! Oh, was war ich stolz auf meine Schwester. Wir durfen ja beide studieren, weil wir aus einem parteipolitisch einwandfreien Elternhaus kamen. Und obwohl sie 2 Jahre jünger ist als ich, kam es mir häufig so vor, als wäre sie viel, viel weiter als ich. Immer die Beste in der Schule, und dann ist sie
auch noch im Studium durchgestartet. „Finnougristik“…ich wußte gar nicht, dass es so ein Fach gab. Finnisch, Ungarisch und Estnisch..gleich
drei Fremdsprachen auf einmal, die Kathrin da lernte…da kam ich mit meinem schon fortgeschrittenen Journalistikstudium auf einmal
ziemlich klein vor…


ALEXANDER BURBACH
Na dafür hast Du es aber weit gebracht,“Mr. Spiegel Beststeller“!


GERD MÜLLER
Ja, aber damals war Kathrin eindeutig der Schatz der Familie und nicht nur dort. Sie war eigentlich überall beliebt, hatte mehr Freundinnen, als ich
zählen konnte, engagierte sich in der FDJ und im MSB.


ALEXANDER BURCHACH
MSB?


GERD MÜLLER
Marxistischer Studentenbund. Zudem war sie Parteimitglied. Gut, ich war auch in der SED, aber ihr hat man das alles noch viel mehr abgenommen, ihren Einsatz für den Staat und das System. Ich glaube, es gab bis zuletzt nicht den kleinsten Schatten, den die Staatsicherheit hätte bemerken können, daher durfte sie auch 1986 nach Budapest zum Studentenaustausch. Schließlich war sie Jahrgangsbeste und sprach schon faktisch fließend Ungarisch.

ALEXANDER BURBACH
Und wann war das?


GERD MÜLLER
Es war Sonntag, der 16. März 1986, drei Tage vor dem Rückspiel in der Grotenburg. Unsere Eltern und ich haben sie noch zum Bahnhof gebracht, dort ist sie in den Zug nach Budapest eingestiegen. Da ahnte ich noch nicht, dass ich meine Schwester über dreieinhalb Jahre nicht wiedersehen würde….
Pause
Als sie in Budapest ankam, muss sie sich schnurstracks zur Botschaft der BRD begeben haben.
(lacht bitter) Damals war da ja noch kein Massenandrang wie 1989. Ich habe später erfahren, dass ihr „Fall“ ganz diskret abgewickelt wurde. Damals
hat man noch alles in der DDR getan, so etwas nicht an die große Glocke zu hängen. 1 Woche später war sie in der BRD. Aber für meine Eltern und mich fing der Horror erst an.


ALEXANDER BURBACH
Hat Kathrin sich denn bei Euch nicht gemeldet?


GERD MÜLLER
Einmal, direkt am Anfang, hat sie mit unseren Eltern telefoniert. Wohl schon aus der Botschaft. Das war ja damals alles nicht so einfach. Dass meine Eltern
überhaupt eine Telefon hatten, war schon eine Besonderheit. Danach -so hat sie uns später erzählt-hat sie wohl zahlreiche Briefe geschrieben, die sind aber wohl alle abgefangen worden. Telefonate gab es nicht mehr, ihr war wohl klar, dass die abgehört würden.


ALEXANDER BURBACH
Verstehe, dass Fußball kein Thema mehr für Dich war.


GERD MÜLLER
Ja, es war ja nicht nur der Schock über ihre Flucht, ich meine, keiner von uns hat das geahnt, sie war so …wie soll ich das sagen….drin, in allem, was unser Land ausmachte..in ihrem Studium….in der Partei..sie schien ein Mustersozialistin…und doch war das alles wohl nur Show…ein lange Vorbereitung für diesen einen entscheidenen Schritt….Und für uns, meine Elten und mich, kam es ganz
heftig…tagelang wurden wir verhört….was wußten wir über Kathrins Flucht…hatten wir ihr geholfen…warum haben wir nichts gesagt….wir beteuerten immer und immer wieder, dass wir keinen Schimmer davon hatten, was Katharina vorhatte….mein Studium, obwohl ich kurz vor dem Abschluß war, stand auf einmal auf der Kippe….hätte sie mich da mit dem „Kicker“ erwischt, wäre ich wohl direkt nach Bautzen gekommen. Unser Vater bekam Probleme im Beruf, schließlich war er auch Lehrer wie Du, aber in einem System wie bei uns durfte jemand, dessen Tochter Republikflucht begangen hat, eigentlich nicht weiter auf die Kinder der DDR losgelassen werden. Man hat ihn in irgendein dunkles Kellerarchiv versetzt, wo er verstaubte Schulakten von einer auf die andere Seite sortieren konnte. Und unsere Mutter wurde richtiggehend krank über Kathrins Flucht.


ALEXANDER BURBACH
Oh Mann, ich glaube, ich brauche jetzt noch einen.
Gießt Schnaps in beide Gläser


GERD MÜLLER
Na, das war der Preis der Freiheit. Und den hatte nicht nur derjenige zu zahlen, der floh, sondern vor allem auch die, die zu Hause zurückblieben. Aber das
Ganze ist jetzt mehr als 30 Jahre her…Ich habe Kathrin längst verziehen und spätestens als wir uns 1990 wiedersahen, war auch für unsere Eltern die
schlimmste Zeit vorbei.


ALEXANDER BURBACH
Oh ja,ich erinnere mich. Kathrin hat mir davon erzählt, wir kannten uns ja gerade mal ein halbes Jahr. Ihr habt sie in Bochum besucht.


GERD MÜLLER
Ja, dort war sie angekommen und studierte sie ja weiter ihre komischen Sprachen und sie ließ da auch paar Bemerkungen fallen, dass sie einen Studenten der Geschichte kennengelernt hatte, der ihr ganz gut
gefiel (lacht). Da wurde mir auch zum ersten Mal wirklich bewusst, was seltsam war an der Zeit, als sie noch in der DDR war. Sie hatte nie einen echten
Freund, eine ernsthafte Beziehung, so weit ich das wußte, trotz ihrer Beliebtheit und ihrer ganzen Kontakte. Ich habe immer gedacht, das läge einfach daran, dass sie für sowas keine Zeit fand, aber ich glaube, es war ihre Absicht, sich nicht fest zu binden denn das hätte es für sie noch schwerer gemacht, die
Flucht tatsächlich durchzuziehen. Für sie war es schon schlimm genug, was sie vermeintlich ihrer Familie angetan hatte.


ALEXANDER BURBACH
Kathrin hat nie viel erzählt über diese Zeit….Ich glaube, für sie war das hier so etwas wie ein Neuanfang…alles auf Null gestellt…und nicht zurückgeblickt….


GERD MÜLLER
Im breitesten Sächsisch Na dann danken wir mal der Bürgerbewegung der Deutschen Demokratischen Republik, dass sie die Familie wieder vereint hat.


ALEXANDER BURCHACH
Prostet Gerd zu, ebenfalls auf Sächsisch
Und auf die Freundschaft und Völkerverständigung zwischen Dresdner und Uerdinger. Hier wächst zusammen, was zusammengehört.
Beide lachen, prosten und kippen ihre Schäpse. In diesem Moment hört man, wie der Schlüssel im Schloß der Wohunungstüre gedreht werden, bei
halten inne, schauen zum Dielengang links, in dem nun Kathrin erscheint, die einen Koffer in der Hand hält. Alexander verschluckt sich fast an seinem Schnaps.


ALEXANDER BURCHACH
Was machst Du denn hier?


KATHRIN BURBACH
Bitte? Ich wohne hier!


ALEXANDER BURBACH
Man merkt, dass die zahlreichen Schnäpse so langsam ihre Wirkung tun.
Aber doch nicht heute Abend!
Aus dem Hintergrund prostet Gerd erneut mit erhobenen Glas, dieses Mal Kathrin zu.


GERD MÜLLER
Hallo Schwesterherz!


KATHRIN BURBACH
Die Einigung mit den Fluglotsen kam schneller als
erwartet. Habe doch noch die letzte Maschine bekommen. Dachte, Ihr freut Euch!


ALEXANDER BURBACH
GERD MÜLLER
gemeinsam Klar!!!!


KATHRIN BURBACH
Schaut sich um und registriert das Chaos
Und was habt Ihr so getrieben? Außer die Wohnung zu verwüsten?


ALEXANDER BURBACH
Ach, nur ein bisschen über Fußball gequatscht!

Freeze der Personen auf der Bühne. Aus dem Off erklingt die Stimme von Rolf Kramer.
ROLF KRAMER
Und der Halbzeitpfiff, meine Damen und Herren. 3:1 für die Dynamos, die zufrieden und lockerleicht in die Kabine gehen können. Was Kalli Feldkamp seinen Mannen sagen wird, das kann man nur ahnen. Wir melden uns
wieder mit dem 2. Durchgang..zurück in die Sendezentrale…zurück zum Heute Journal.


Black / Ende der 1. Halbzeit
(PAUSE)

Copyright. Rüdiger Höfken, Krefeld

Fotonachweis: Deutsche Fußballroute NRW

Das Wunder von der Grotenburg (11)

Szene 11: Notizen aus dem Westen


Noch im Black erklingt die Stimme von DDR-Reporter Heinz Florian Oertel
HEINZ FLORIAN OERTEL
Sparwassser…Sparwasser…und Tooor! Jürgen Sparwasser aus Magdeburg! Hier schauen Sie, unsere Touristen….und unsere Spieler. Die Wiederholung: Noch einmal Achtung, liebe Zuschauer! Eine glänzende Aktion des Magdeburgers! Schauen Sie, wie er Übersicht behält. Noch an dem vorbei..und jetzt..wie er sich die Schußposition schafft..überlegt…und vollendet…eine meisterliche Aktion!


Weiter im Black, jetzt erklingt die Stimme von ZDF-Reporter Werner Schneider
WERNER SCHNEIDER
Sparwasser…und Tor! Ein blitzschneller Konter, das Mittelfeld..in Windeseile überbrückt…und unter mir ein Wald von schwarz-rot-goldenen Fahnen mit Hammer und Zirkel!…Und die Wiederholung: Wunderschön in den freien Raum gespielt, auch Berti Vogts kommt nicht mehr heran..und dann ganz überlegt…der Schuß von Sparwasser.


Licht auf die Bühne. Alexander will gerade noch zwei Uerdingen einschenken und merkt, dass die Flasche leer ist. Er steht auf und geht in die Küche.
ALEXANDER BURBACH
Ich hole uns mal Nachschub! (aus dem Off) Uerdinger ist alle. Aber ich hätte noch Stuffkamp, Jubi und Bommerlunder!


GERD MÜLLER
In der Reihenfolge!


ALEXANDER BURBACH
kommt wieder aus der Küche, mit drei Flaschen und mehreren Tüten Chips und Knabbereien im Arm.
Weißt Du, im Grunde genommen waren wir Euch damals ja im nachhinein sehr dankbar, dass Ihr uns besiegt habt. Die Presse schrieb zwar: „DDR demütigt die
Bundesrepublik“, aber hey, wer ist am Ende Weltmeister geworden?


GERD MÜLLER
Tja, wir hatten Euch halt richtig aufgeweckt. Und es war unser Pech, in der Zwischenrunde dann gegen Brasilien und die Niederlande spielen zu müssen.
Denen seid ihr ja schön aus dem Weg gegangen. Und wir mußten uns mit den dicken Brocken rumschlagen.


ALEXANDER BURBACH
Immerhin waren das großartige Tage für den DDR-Fußball!


GERD MÜLLER
Ja, und 12 Jahre später sollte es noch großartiger werden, denn jetzt hatten wir mit Dynamo Dresden die große Chance, zum ersten ins Halbfinale eines Europapokalwettbewerbs vorzudringen. Es gab nur noch ein Hindernis…


ALEXANDER BURBACH
…und das hieß Bayer 05 Uerdingen!


GERD MÜLLER
Ja, und ganz ehrlich, wir haben damals gedacht….wer ist schon Bayer Uerdingen? Wir sind ja in den 70er Jahren schon auf ganz andere Kaliber aus dem Westen getroffen: Bayern München, Hamburger SV, VFB Stuttgart. 6 Spiele und kein einziger Sieg. Das sollte sich jetzt gegen Uerdingen ändern.

ALEXANDER BURBACH
Was wußtet Ihr denn überhaupt über uns?


GERD MÜLLER
Oh, eine ganz Menge! Obwohl, wie du weißt, „Westpresse“ verboten war bei uns, hatte ich meine Quelle. Und die hieß André Uhlig. Er war ein Klassenkamerad von mir und wir waren auch später häufig in Kontakt. Das war von meiner Seite nicht ganz uneigennützig, denn aus mir bis heute unbekannten Gründen hatte André immer Zugriff auf Zeitungen und Magazine aus dem Westen.


ALEXANDER BURBACH
Du meinst „Frankfurter“, „Süddeutsche“ und son Zeug?


GERD MÜLLER
Ja die auch, aber das Wichtigste war der „Kicker“.


ALEXANDER BURBACH
Der Kicker? Echt jetzt?

GERD MÜLLER
Ja, ob Du es glaubst oder nicht, selbst dieses eigentlich höchst unschuldige Stück Papier war streng verboten. Weiß der Himmel, welche subversiven
Botschaften die Staatssicherheit in den Spielberichten aus der Bundesliga vermutet hat.


ALEXANDER BURBACH
Du hast also regelmäßig den „Kicker“ gelesen?


GERD MÜLLER
Regelmäßig? Oh nein, dafür war mir die Angelegenheit
doch einfach zu riskant und zu teuer.

ALEXANDER BURBACH
Teuer?


GERD MÜLLER
Na ja, André hat seine „Westpresse-Erzeugnisse“ nicht aus reiner Menschenfreude weitergereicht, schließlich war das ja auch für ihn äußerst riskant. Nein, er hat da ein richtiges Geschäft daraus gemacht. Man konnte
die Zeitungen bei ihm „mieten“.


ALEXANDER BURBACH
Woow, Frühkapitalismus in der DDR der 80er, ich bin zwar Geschichtslehrer, aber ich merke, ich kann immer noch was dazu lernen.


GERD MÜLLER
2 Mark für eine halbe Stunde Lesezeit. Das war eine Menge Holz, dafür hätte ich mir mehrere Spiele von Dynamo im Stadion anschauen können. Aber als feststand, dass wir auf Uerdingen treffen werden, war ich doch so neugierig geworden, dass ich das Geld investierte.

ALEXANDER BURBACH
Zeitunglesen gegen Gebühr, dieses Geschäftsmodell entdecken gerade die Tagezeitungen fürs Internet. Dein Kumpel war da der Zeit aber weit voraus. Und
haben sich die 2 Mark denn rentiert?


GERD MÜLLER
Oh ja, ich habe versucht, in der Kürze der Zeit soviel wie möglich abzuschreiben.
blättert in seinem Buch
Hier ist die Abschrift meiner Originalnotizen drin enthalten. Ich hatte teilweise so schnell und mit einer solchen Sauklaue geschrieben, dass ich meine eigene Handschrift nicht mehr entziffern konnte. Daher ist einiges auch einfach aus dem Gedächtnis aufgeschrieben.
Hat die entsprechende Seite in seinem Buch gefunden
Genau, hier: Es gab tasächlich eine ganze Seite, auf der unsere Mannschaft vorgestellt wurde! Im Kicker!! Das allein war schon unglaublich für mich! Und dann noch ein Interview mit Trainer Klaus Sammer: Da wurde er gefragt, warum seine Mannschaft so eine fehlende Konstanz zeigt. „Heute wie Weltmeister, morgen wie Kreismeister.“ Man muss zugeben, da war der Reporter vom Kicker geradezu prophetisch!


ALEXANDR BURBACH
Was hat Klaus Sammer denn geantwortet?


GERD MÜLLER
Liest aus dem Buch vor
„Ach, das war in Dresden schon zu meiner Zeit so. Das ist immer so gewesen. Wir arbeiten daran, es abzustellen.“


ALEXANDER BURBACH
Das heißt, das Drama in Uerdingen war nicht das erste für Euch?

GERD MÜLLER
Ja, meine Mannschaft war schon vorher bekannt dafür, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Und glaub’ mir, die Brote waren oft schon dick beschmiert. Ein Jahr vor Uerdingen waren wir auch im Viertelfinale des Europokals und haben zu Hause Rapid Wien mit 3:0 vom Platz gefegt. Da spielte immerhin Hans Krankl mit, der Euch 1978 in Cordoba so richtig in den Hintern getreten hat.


ALEXANDER BURBACH
Oh, ja ich erinnere mich. Das war MEIN Trauma der Jugend. Ich war 13 und noch heute habe ich habe die Stimme der ÖRF-Reporters Edi Finger im Ohr: Tooooor! Tooor! Tooor! Tooor! Tooor! Tooor! I werd’ narrisch! Krankl schießt das 3:2 für Österreich!!


GERD MÜLLER
Ja, Österreich wurde dann auch unser Trauma. Denn zwei Wochen nach unserem phänomenalen 3:0 Sieg fegten uns die Wiener im eigenen Stadion mit 5:0 vom Platz. Aus der Traum vom Halbfinale. Aber das sollte uns nicht noch einmal passieren. Das wußten die auch beim „Kicker“
Liest wieder aus seinem Buch
„40.000 Zuschauer werden die SchwarzGelben nach vorne und zum Sieg brüllen! Dresdens Publikum ist immer für ein Tor gut!“


ALEXANDER BURBACH
Klingt wie bei Dortmund!


GERD MÜLLER
Liest weiter
„Dynamo Dresden zu Hause, das ist an guten Tagen europäischer Spitzenfußball. Aber Dresden auswärts – da klaffen sogar in der DDR-Oberliga Welten zwischen Können und Tun“. Ich sag ja, die Redakteure vom „Kicker“ waren außerordentlich gut informiert über uns und besaßen wahrlich prophetische Gaben.


ALEXANDER BURBACH
Ganz ehrlich, das alles habe ich nicht gewußt, obwohl ich damals auch ganz gern den Kicker gelesen hatte. Im Gegensatz zu Euch war der ja bei uns nicht
verboten. Aber irgendwie habe ich mich immer nur auf die Artikel über Uerdingen gestürzt.


GERD MÜLLER
Großes Interesse am Osten war nie Eure Stärke, das war ja später nicht anders. Aber ich habe mich damals natürlich auch über den Gegner schlaugemacht und in der halben Stunde, die ich bezahlt hatte, versucht, so viel wie möglich über Uerdingen zu erfahren.


ALEXANDER BURBACH
Na, jetzt bin ich ja mal gespannt!


GERD MÜLLER
Erstmal habe ich mir angeschaut, auf welchem Platz
ihr in der Bundesligatabelle standet. Und da wurde mir schnell klar, das ist allenfalls Mittelmaß: Tabellenachter, 16 Punkte Rückstand auf Tabellenführer Werder Bremen, eine Tordifferenz von -16, außer dem Pokalsieg gegen Bayern München keine nennenswerte Erfolge oder Titel in der Vereinschronik, selten mehr als 10.000 Zuschauer in der Grotenburg, also eine richtig graue Maus.

ALEXANDER BURBACH
Lacht
Mittelmaß? Graue Maus? Ich gäbe meinen rechten Arm her, wenn wir heute als amtierender DFB-Pokalsieger 8. in der Bundesliga wären. Und glaub mir, Ponomarev gäbe seinen noch dazu, wenn wir 10.000 Zuschauer in der Grotenburg hätten. Und ich kann mich erinnern, 1986 waren es manchmal auch mehr Zuschauer, viel mehr Zuschauer!


GERD MÜLLER
Wann war das denn?


ALEXANDER BURBACH
Bevor wir auf Euch trafen, hatten wir es zunächst mit dem FC Zurrieq zu tun, nicht Zürich, Zurrieq, das war der Pokalsieger Maltas. 3:0 und dann zu Hause 9:0, da haben wir richtig was rausgehauen. Und dann wurde uns Galatasary Istanbul zugelost. Das Hinspiel in der Grotenburg sahen sage und schreibe 27.000 Zuschauer, das war der Wahnsinn. Vor allem, wenn man bedenkt,
dass rund 20.000 davon unsere türkischen Mitbürger waren. Die waren aus ganz Deutschland angereist. Wir hatten quasi ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion gegen eine Mannschaft, die im übrigen von Jupp Derwall trainiert wurde. Aber wir haben uns nicht beirren lassen und das Ding mit 2:0 nach Hause gebracht, zwei Wochen später dann ein 1:1 am Bosporus und der Weg ins Viertelfinale war frei.


GERD MÜLLER
Ja, nachdem unsere Reise durch Europa nur 11km voneinander entfernt begonnen hatte, Euch nach Malta und die Türkei führte, uns nach Belgien zu Brügge und nach Finnland zu Helsinki, führte das Losglück uns letztendlich zusammen, zum ersten Mal am 05 März 1986 im Dresdner Rudolf-Harbig Stadion und dann am 19. März in der Grotenburg.


Black

Das Wunder von der Grotenburg (10)

Szene 10 : Europa, wir kommen!


Noch im Black erklingt die Stimme von ARD-Reporter Jochen Sprentzel
JOCHEN SPRENTZEL
…sehr auffällig auf Buttgereit…und Schäfer…Tor!!! 2:1 für Uerdingen. 2:1 für den
Außenseiter! Durch Wolfgang Schäfer! Es ist sein 13. Tor in dieser Saison, wenn man die 12 in der Bundesliga mitrechnet. Hah! Und das ist natürlich
sein Wichtigtes!

Licht auf die Bühne.

ALEXANDER BURBACH
Und das war es! Uerdingen, mein Bayer Uerdingen war DFB Pokalsieger 1985!!! Der Wahnsinn! Ich habe in der Nacht kein Auge mehr zugemacht, was aber auch daran lag, dass wir direkt mit dem Bus zurück nach Krefeld gefahren sind. Irgendwann früh am Morgen kamen wir am Röttgen in Uerdingen an und wurden aus dem Bus geworfen. Da stand ich in dieser nur langsam erwachenden Stadt – es war schließlich Pfingstmontag und alles kam mir irgendwie unwirklich vor. Wir hatten den großen FC Bayern besiegt! Wir waren Pokalsieger!! Wir würden Europapokal spielen!!


GERD MÜLLER
Hat inzwischen nachgeschenkt
Na, dann würde ich sagen, auf die guten alten Zeiten!
Die beiden prosten sich zu.
Dass das DFB-Pokal Endspiel damals überhaupt in Westberlin stattfand, daran waren wir ja nicht ganz unschuldig.


ALEXANDER BURBACH
Inwiefern?

GERD MÜLLER
Nun ja, im Prinzip der gesamte damalige Ostblock. Man hat immer versucht, Westberlin als „Pfahl im Fleisch der DDR“ vom Sportgeschehen in der Bundesrepublik zu isolieren.


ALEXANDER BURBACH
Da wart Ihr aber nicht immer erfolgreich. Wenn ich da an die Fußball WM 1974 denke..da hatten wir unser erstes Spiel gegen Chile in Berlin gehabt…


GERD MÜLLER
Oh ja, und die Auslosung wollte es, dass nicht nur beide deutsche Mannschaften in der gleichen Gruppe spielten, sondern dass die DDR-Mannschaft doch tatsächlich auch ein Spiel im Westberliner Olympiastadion bestreiten musste….ein Alptraum für das Politbüro…


ALEXANDER BURBACH
Und was hat das jetzt jetzt mit dem DFB-Pokalfinale von 1985 zu tun?


GERD MÜLLER
Nun, in den 80er habt Ihr Euch dann ja auch für die Austragung der Fußball EM 1988 beworben. Aber für eine ausreichende Anzahl an Stimmen brauchtet Ihr die osteuropäischen Verbände der UEFA. Und da habt ihr dann gehandelt, ich sag mal, wie damals so manche unserer Schiedsrichter, Stichwort: Vorauseilender Gehorsam!


ALEXANDER BURBACH
Stimmt, jetzt erinnere ich mich, der DFB hatte für eine Ausrichtung der EM Endrunde 88 ohne Berlin….


GERD MÜLLER
Westberlin!


ALEXANDR BURBACH
Ohne Westberlin…als Spielort gestimmt.


GERD MÜLLER
Sport ist und war eben immer auch Politik. Gerade damals in den 80er. Natürlich wußte der DFB, dass er sich da im eigenen Land ziemlich ins Knie geschossen hatte mit dieser Entscheidung. Daher gab es dann, quasi als mickrige Entschädigung gedacht, die Vergabe des DFB-Pokal Endspiels nach Westberlin. Der damalige DFB Präsident Hermann Neuberger besaß dann aber noch nicht mal die Courage, zum Spiel im Mai 85 vor Ort zu sein.


ALEXANDER BURBACH
Was für eine Memme!

GERD MÜLLER
Aber damals, 1974 war Ostblock chancenlos gegen die südamerikanischen und asiatischen Fußballverbände, die alle nichts gegen das Westberliner Olympiastadion als Spielort bei der WM einzuwenden hatten. Das Einzige was noch passierte, war, dass der Name in FIFA WM Stadion Berlin geändert wurde für das Turnier. Also mussten wir da auch ran gegen Chile am 18 Juni 1974. Ausgerechnet Chile…Wer hätte damals gedacht, dass das mal das Exil von Erich Honnecker würde? Damals war Chile für uns das Reich des abgrundtief Bösen! Noch schlimmer als der Westen mit seiner Nato!


ALEXANDER BURBACH
Du meinst wegen Pinochet?


GERD MÜLLER
Exakt! Wenige Monate zuvor, im September 1973, hatte sich General Pinochet gegen den sozialistischen Präsidenten Allende an die Macht geputscht. In der Folge sollen mehr als dreitausend Menschen unter Chiles Militärjunta zu Tode gekommen sein. Und dann war Chile fast schon qualifiziert für die WM 74 und muss noch in einer entscheidenden Relegation ran, ausgerechnet gegen die UdSSR. Sportpolitisch war das der Super-Gau!
Auf Einladung der FIFA haben sich dann Vertreter des chilenischen Verbandes und des Verbandes der UdSSR getroffen in Zürich getroffen. Man muss ja bedenken, zu diesem Zeitpunkt waren die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern längst abgebrochen. Man hat sich dann auf zwei Spiele und Spielorte verständigt. Zuerst spielte man dann in Moskau 0:0. Danach war 14 Tage Pause und plötzlich weigerte sich Moskau, im Santiago de Chile anzutreten. Schließlich soll das Stadion dort als Gefängnis und Folterkammer für Dissidenten genutzt worden sein. Die Folge war wohl eines der kuriosesten Spiele der Fußballgeschichte: Elf Chilenen stehen zum Anstoß im heimischen Estadio Nacional bereit. Aber kein einziger Spieler der UdSSR. Die Chilenen spielen sich den Ball zu, einer schießt: Tor.


ALEXANDER BURBACH
War hoffentlich kein Abseits!


GERD MÜLLER
Lacht
Offensichtlich nicht! Jedenfalls pfeift der Schiedsrichter die Partie ab, weil kein sowjetischer Spieler den erneuten Anstoß ausführen kann. Und damit war Chile für die WM 74 qualifiziert. Und dann mussten ausgerechnet wir gegen Chile bei der Endrunde spielen, und dann auch noch in Westberlin. Was für ein Dilemma. In der Tat stand im Raum, dass wir nicht antreten werden. Andererseits, es war das erste Mal, dass wir uns überhaupt für eine WM Endrunde qualifiziert hatten und wir spielten ja nun – anders als der große sowjetische Bruder es sollte- quasi auf neutralem Boden. Daher hatte man sich bei aller Solidarität mit der UdSSR und Protesthaltung gegen FIFA und Militärjunta für ein pragmatische Lösung entschieden: Die offizielle Parole lautete: „Wer sich für eine Weltmeisterschaft qualifiziert, muss auch die Spielregeln akzeptieren!“ Damit war das Thema erledigt. Auf dem Platz reichte es dann nur zu einem 1:1, aber immerhin waren wir mit 11 Spielern mehr als die UdSSR angetreten.


ALEXANDER BURBACH
Na ja, Ihr habt Chile dann ja über einen Umweg dann doch noch aus dem Turnier gekickt, in dem Jürgen Sparwasser uns richtig einen eingeschenkt hat.


GERD MÜLLER
Und wie! Das 1:0 von Hamburg war sowas wie der Höhepunkt meiner Jugendzeit, ich war damals 13 Jahre alt, aber ich habe heute noch diesen Spielzug in allen Einzelheiten Augen.


ALEXANDER BURBACH
Nicht nur Du!


Black

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